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Aufnahmemanagement7 Min. Lesezeit

Belegungsplanung in der Reha: Warum klassisches Forecasting scheitert

Rolling Averages, autoregressive Saisonalitäts-Modelle, geglättete Mittelwerte: Im Akut-Krankenhaus methodisch sauber kalibriert, in der Reha-Klinik strukturell zu kurz gegriffen. Drei Eigenheiten des Reha-Belegungsstroms verlangen eine andere Modell-Klasse.

Dr. Sven Jungmann

Dr. Sven Jungmann

CEO

Belegungsplanung Reha-Klinik gelingt nicht über geglättete Vergangenheits-Mittelwerte — drei Pipeline-Felder pro Anfrage entscheiden, ob die Vorhersage über zwei Wochen voraus belastbar bleibt.

An einem Donnerstagvormittag erreichen drei Anschlussheilbehandlungs-Anfragen (AHB) gleichzeitig dieselbe Reha-Klinik. Die erste wünscht eine Aufnahme am übernächsten Tag — Akut-Klinik, beschleunigtes Verfahren, klinisch dringend. Die zweite zielt auf den Dienstag der Folgewoche, regulärer AHB-Antrag aus einer hausärztlichen Praxis. Die dritte ist ein Reha-Antrag der Deutschen Rentenversicherung (DRV) mit terminfestem Antritt in vier Wochen. Die Belegungsplanung muss alle drei in dieselbe Vorausschau einordnen — und tut es in vielen Häusern mit einem Modell, das diese Heterogenität nicht abbildet. Ein Saison-bereinigter Rolling-Average aus der Vergangenheit, im günstigeren Fall mit autoregressivem Saisonalitäts-Modul, liefert für die kommenden zwei Wochen Punktschätzungen, die die Antritts-Wirklichkeit selten besser als auf zehn Prozent treffen — und in den teuren Verschiebe-Wochen der Indikationen systematisch schlechter.

Im akut-stationären Krankenhausbetrieb arbeiten Belegungs-Forecasting-Modelle mit gut etablierter Methodik: Warteschlangen-Modelle, Erlang-Formeln, autoregressive integrierte gleitende Mittelwert-Modelle (ARIMA) für die Saisonalitäts-Komponente. Bekker und Kolleg:innen (Health Care Management Science, 2017) ordnen den Methoden-Stand für flexible Bett-Allokation: Die Vorhersage-Güte hängt entscheidend von der Verteilung der Tagesankünfte und der Verweildauer-Verteilung ab. Im Akut-Bereich ist die Tagesankunft stochastisch über kurze Vorläufe — die Notaufnahme entscheidet sich oft über Stunden, geplante Eingriffe haben Vorlaufzeiten von Tagen bis zwei Wochen. Reha-Belegungen folgen einer anderen Mechanik: Sie kommen über einen gesteuerten Antragspfad, nicht über stochastische Tagesankünfte. Genau dort beginnt das Problem klassischer Forecasting-Modelle.

Drei Eigenheiten, an denen klassisches Forecasting in der Reha bricht

Die erste Eigenheit ist die Vorlaufzeit-Verteilung der Anfragen. Eine beschleunigte AHB nach akut-stationärer Behandlung kann mit nur wenigen Tagen Vorlauf eingehen. Eine reguläre AHB-Anfrage hat in der Größenordnung von zwei bis vier Wochen Vorlauf. Eine DRV-Reha-Anfrage durchläuft einen eigenen Antragsweg mit eigener Bewilligungs-Latenz und der Möglichkeit eines Widerspruchs, der Wochen ergänzen kann. Die Verteilung der Vorlaufzeiten ist nicht annähernd Gauß-förmig — sie hat einen langen rechten Schwanz und mehrere Modi. Ein autoregressives Modell der Klasse ARIMA glättet diese Mehrgipfligkeit nicht; es modelliert sie systematisch falsch, weil seine Verteilungs-Annahme nicht trägt. Die genannten Größenordnungen sind orientierend; sie variieren nach Träger, Indikation und Bundesland.

Die zweite Eigenheit ist die Heterogenität der Antragspfade. Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) formuliert trägerübergreifende Empfehlungen, in der Praxis trifft eine Reha-Klinik aber auf mehrere parallele Wege: DRV-finanzierte Anträge mit eigenem Bewilligungs-Verlauf; AHB-Anträge auf Basis der Vereinbarungen mit dem Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband); unfallversicherungs-finanzierte Pfade; private Trägerschaften. Jeder Pfad bringt seine eigene Vorlaufzeit-Verteilung mit, sein eigenes Bewilligungs-Profil und seine eigene Storno-Wahrscheinlichkeit. Eine orthopädische Reha-Klinik mit zwei Dritteln DRV-Anteil rechnet mit anderen Vorlaufzeit-Verteilungen als ein kardiologisches Haus mit hohem Akut-AHB-Anteil; selbst innerhalb desselben Hauses unterscheidet sich der Antragsstrom orthopädisch von dem neurologisch. Ein Modell, das alle Anfragen in einem Topf rechnet, mittelt diese Heterogenität weg — und produziert eine geglättete Kurve, die in keinem der Pfade trägt.

Belegungs-Forecasting Reha-Klinik braucht getrennte Antragsströme — beschleunigte AHB, reguläre AHB, DRV-Reha-Antrag und Unfallversicherungs-Pfad haben jeweils eigene Vorlaufzeit-Verteilungen.
Die Antragsströme sind nicht ein Strom, sondern mehrere parallele Wege. Werden sie zusammengerechnet, mittelt das Modell die Heterogenität — und beschreibt am Ende keinen der einzelnen Pfade präzise.·aiomics

Die dritte Eigenheit ist die Sektoren-Übergreifung der Quellen. Eine Reha-Anfrage entsteht nicht in der Reha-Klinik, sondern davor: in der Akut-Klinik über die Sozialdienst-Anregung zur AHB; in der ambulanten fachärztlichen Praxis; in der hausärztlichen Praxis; in der Rehabilitations-Beratung der Träger. Diese Quellen haben unterschiedliche Saisonalitäts-Profile. Die DRV-Reha-Statistik dokumentiert für DRV-finanzierte Reha indikationsbezogene Schwankungen — mit einer orientierenden monatlichen Spanne im niedrigen bis mittleren zweistelligen Prozentbereich gegenüber dem Jahresmittel: Frühjahrs-Anhebung in der orthopädischen Reha, Herbst-Spitze in der kardiologischen Reha, ein deutlich flacheres Profil in der Neurologie. Die Statistik ist aggregiert auf Bundesebene und deckt nur DRV-finanzierte Reha ab; der AHB-Strom der gesetzlichen Krankenversicherung liegt außerhalb. Ein Forecasting, das alle Quellen über einen einzigen Saison-Faktor abbildet, trägt diese Tiefen-Profile nicht.

Welche Modell-Klassen tatsächlich tragen

Die erste tragfähige Modell-Klasse ist das Pipeline-Zustands-Modell. Statt aus historischen Mittelwerten zu rechnen, leitet ein Pipeline-Modell die nächste Belegung aus dem aktuellen Pipeline-Zustand ab: wieviele Anträge sind in der Bewilligungs-Phase, wieviele tragen den Status „aufnahmebereit“, wieviele haben einen festen Antrittstermin im Zwei-Wochen-Fenster, wieviele eine indikative Spanne, wieviele eine offene Antrittszeit. Methodisch ist das in der Operations-Research-Literatur als State-Space-Modell verankert. Greenhalgh und Kolleg:innen (Non-adoption, Abandonment, Scale-up, Spread, and Sustainability — NASSS-Framework, 2017) rahmen die Logik aus einer anderen Richtung — als Domäne der „kontinuierlichen Anpassung über Zeit“: ein Modell, das mit dem Pipeline-Strom mitläuft und sein Bild der nächsten Wochen bei jeder Status-Änderung aktualisiert. Konkret bedeutet das: jeder neue Antragseingang, jede Bewilligung, jede Verschiebung, jede Storno-Meldung verändert die Belegungs-Vorhersage am gleichen Tag, nicht erst beim nächsten Wochen-Rebuild. Eine wöchentliche Kennzahl-Tabelle ersetzt diesen Ansatz nicht — sie zeichnet einen Zustand, den die Pipeline schon mehrfach verändert hat.

Die zweite Modell-Klasse trennt die Antragsströme nach Quelle. Akut-AHB-Strom, ambulanter Antrags-Strom, hausärztlicher Strom und DRV-Reha-Strom werden separat modelliert; jede Quelle erhält ihre eigene Vorlaufzeits-Verteilung, ihre eigene Saisonalität und ihre eigene Stornoquote. Das aggregierte Belegungs-Modell ist die Faltung der Einzelquellen, nicht ein gemittelter Strom. Methodisch ist das nicht aufwendig — es erfordert aber, dass die Quelle pro Anfrage strukturiert erfasst wird. Solange das Aufnahme-System die Antragsquelle nur in der Bemerkungs-Spalte führt, fehlt dem Modell die Eingangsgröße, an der seine Stärke hängt.

Pipeline-Forecasting in der Reha-Belegungsplanung modelliert Antragspfade getrennt — Verfahrens-Status pro Anfrage trägt die Vorhersage stärker als historische Tiefe.
Drei getrennte Antragsströme, jeder mit eigener Vorlaufzeit-Verteilung und Stornoquote. Das aggregierte Bild ist die Faltung — nicht der Mittelwert.·aiomics

Die dritte Modell-Klasse modelliert Storno explizit — als eigenständige Wahrscheinlichkeit pro Antrag. Ein bewilligter Reha-Antrag ist nicht mit Sicherheit ein Antritt: Etwa jeder zehnte bis fünfte bewilligte Antrag wird vor dem Antrittstag verschoben oder abgesagt — wegen klinischer Verschlechterung, Verschiebung einer Operation (OP) im Akut-Vorlauf, Antrags-Widerspruch oder persönlicher Gründe. Diese Größenordnung ist orientierend; präzise Stornoquoten variieren nach Indikation und Träger und sind in der publizierten Literatur uneinheitlich. In der Reha-Belegung schlägt die Storno-Wahrscheinlichkeit härter durch als in der Akut-Disposition, weil die Vorlaufzeit eine späte Nach-Disposition oft ausschließt — ein am Mittwoch abgesagter Antritt für Donnerstag bleibt selten kurzfristig nachbesetzbar. Ohne explizite Storno-Modellierung plant ein Forecasting bereits aufgenommene statt erwartete Belegung — und rechnet die Reservepuffer in der Belegungs-Vorhersage systematisch zu knapp.

Die Zahl, die die Belegung der nächsten zwei Wochen trägt, kommt nicht aus der Vergangenheit. Sie kommt aus dem aktuellen Pipeline-Stand.

Was die Daten-Voraussetzung tatsächlich ist

Pipeline-Forecasting braucht nicht mehr Historie, sondern andere Daten. Drei Felder pro Anfrage tragen das Modell. Das erste ist der aktuelle Verfahrens-Status — eingegangen, in Prüfung, bewilligt, aufnahmebereit, Antritt erfolgt, storniert — mit Datum jedes Statuswechsels. Das zweite ist die Antragsquelle (Akut-Klinik, ambulante Praxis, hausärztliche Praxis, Trägerberatung) zusammen mit dem finanzierenden Träger. Das dritte ist das geplante Antrittsdatum mit einer Konfidenz-Information: terminfest, indikative Spanne, oder offen. Drei strukturiert geführte Felder reichen als Eingangsgrößen für ein Pipeline-Modell. Liegen sie nur in Freitext-Notizen, fehlen die Eingangsgrößen — und kein Forecasting-Modell schließt diese Lücke nachträglich.

Das erklärt, warum die Disziplin der Belegungsplanung im Aufnahmemanagement entsteht und nicht im Business-Intelligence-Werkzeug (BI-Tool). Eine Aufnahme-Software, die Status, Quelle und Antrittsdatum als Pflichtfelder mit kontrollierten Listen führt, speist das Forecasting strukturell — und zwar bereits in dem Moment, in dem die Anfrage in der Klinik erstmals dokumentiert wird. In Mischkliniken mit angegliedertem Akut-Bereich kann zusätzlich die Akut-Pipeline einen Pipeline-Eintrag für die Reha erzeugen: Eine perspektivische AHB-Indikation während des Akut-Aufenthalts wird zum frühen Pipeline-Signal, nicht erst nach Antragseingang. Das verschiebt den Vorhersage-Horizont strukturell um Tage nach vorn, weil das Belegungs-Modell die Anfrage einsieht, bevor der Antrag formal eingeht. Beides ist eine architektonische Entscheidung über die Erfassungs-Disziplin der Aufnahme — keine Modell-Frage und keine Frage des Reporting-Werkzeugs.

Belegungsplanung Reha-Klinik trägt am Montagmorgen, weil drei Pipeline-Felder strukturiert geführt werden — Verfahrens-Status, Antragsquelle, Konfidenz-Stufe des Antrittsdatums.
Was strukturell vor dem Antritt entsteht, kann das Modell auch strukturell vorhersagen. Was nur in Freitext lebt, lässt sich auch durch längere Historie nicht in eine belastbare Vorhersage bringen.·aiomics

Im Aufnahmemanagement ist die Belegung des kommenden Planungs-Horizonts bereits angelegt. Belastbar planbar wird sie nur dort, wo die Pipeline-Felder am Antragstag mit der gleichen Disziplin geführt werden wie die klinischen Pflichtfelder am Aufnahmetag — vor dem BI-Tool, nicht in ihm. Und vor jedem zusätzlichen Forecasting-Modell.

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