Referenzkunden-Gespräch: Was Sie wirklich fragen müssen
Ein Referenzkunden-Gespräch in der Klinik-IT-Beschaffung läuft regelmäßig scripted ab — vom Anbieter vermittelt, dreißig Minuten freundlich, ohne den Beschaffungs-Befund, der gesucht wird.

Dr. Sven Jungmann
CEO

Eine Geschäftsführer:in einer Reha-Klinik sitzt in einem Referenzkunden-Gespräch, das der Anbieter vermittelt hat. Die andere Seite — eine vom Anbieter benannte Geschäftsführer:in eines Hauses, das die Software seit dreizehn Monaten einsetzt — präsentiert in fünfunddreißig Minuten dieselbe Folien-Sequenz, die bereits drei Beschaffungs-Kreisen davor gezeigt wurde. Die Folien sind freundlich. Die Folien sind allgemein. Am Ende der Sitzung weiß die fragende Geschäftsführer:in, dass das Produkt installiert ist, dass es benutzt wird und dass beide Häuser sich ungefähr einmal pro Quartal auf einer Branchen-Veranstaltung sehen. Sie weiß nicht, was länger gedauert hat als geplant, was heute noch nicht läuft, oder ob die Einführungs-Begleitung in Personentagen das war, was im Vertrag stand. Die Asymmetrie liegt nicht in der Person des Referenzkunden — sie liegt in der Frage-Struktur des Gesprächs.
Das Referenzkunden-Gespräch ist die Stelle in der Klinik-IT-Beschaffung, an der die Beschaffung den Beauty-Contest-Folien etwas Belastbares entgegensetzen kann — und an der dieses Belastbare regelmäßig nicht entsteht. Der Anbieter vermittelt das Gespräch, der Referenzkunde bereitet die Sitzung als Vermittlungs-Termin vor, der Slot ist auf eine knappe halbe Stunde begrenzt, und die Frage-Reihenfolge folgt dem Folien-Aufbau, nicht der Beschaffungs-Logik. Zehn strukturierte Anschluss-Fragen — gegliedert in fünf Achsen — verschieben das Gespräch aus der Vermittlung in die Beschaffung. Die Fragen sind nicht die, die der Anbieter im Vermittlungs-Skript vorbereitet hat. Sie sind die, deren Antwort-Pattern den Beschaffungs-Befund liefert, lange bevor der Vertrag verhandelt wird.
Achse 1 — Implementierungs-Dauer: Wo die Zeitachse abweicht
Frage 1: Welcher Tag stand bei Vertragsunterzeichnung als geplanter Go-Live-Tag im Projektplan, und welcher Tag war der tatsächliche Go-Live-Tag pro Funktions-Phase? Die substanzielle Antwort nennt zwei Datums-Spannen — die geplante und die eingetretene — und benennt die Ursache der Differenz pro Phase. Eine Antwort in der Form „lief im Großen und Ganzen wie geplant“ ist keine Antwort; sie ist ein Antwort-Pattern. Frage 2: Welche drei Schritte haben in der Einführung am längsten gedauert, gemessen in Wochen? Die substanzielle Antwort benennt konkrete Schritte mit konkreter Wochen-Spanne — Schnittstellen-Anbindung an das Krankenhaus-Informationssystem (KIS), Datenmigration, Schulung, Integration in den Doku-Alltag — und ordnet die Verzögerungs-Ursache je Schritt zu. Wenn auf Frage 1 und Frage 2 keine Datums-Spannen kommen, sondern Stimmungs-Aussagen, hat die Beschaffung den ersten Befund: Der Referenzkunde misst die Implementierung nicht in Datums-Spannen, oder er erinnert sie nicht.
Achse 2 trennt zwischen versprochener und gelaufener Funktion. Frage 3: Welche im Vertrag versprochene Funktion läuft heute, dreizehn Monate nach Go-Live, in Ihrem Haus nicht oder nicht wie zugesagt? Eine belastbare Antwort nennt eine konkrete Funktion mit konkretem Stand. Eine Auskunft wie „wir nutzen mittlerweile alles, was wir benötigen“ hat die Frage nicht beantwortet — sie hat sie umgangen. Frage 4: Welche klinische Entscheidung wurde im Lauf der Einführung am Ergebnis gemessen, und mit welchem Vorher-Nachher-Vergleich? Tragfähig wird die Antwort, wenn sie eine konkrete klinische Größe nennt — Doku-Zeit pro Eintrag, Anteil vollständiger Aufnahmedoku-Felder, Übergabe-Verlust zwischen ärztlicher und pflegerischer Notiz — und das Vorher- und Nachher-Maß ausweist. Antworten ohne Vorher-Maß sind Eindrücke, keine Effektgrößen. Im Klinik-IT-Beschaffungs-Kontext nach den Vergabe-Leitfäden zum Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) des Bundesamts für Soziale Sicherung (BAS) ist die Effektgröße ohne Vergleichs-Arm keine belastbare Größe — eine zentrale Disziplin, die im Vermittlungs-Gespräch typischerweise nicht aufgerufen wird.

Achse 3 — Begleitungs-Substanz: Personentage und Champion-Rolle
Frage 5: Wie viele Personen aus dem Anbieter-Team haben Ihren Standort in den ersten neunzig Tagen tatsächlich besucht, und für wie viele Personentage? Eine belastbare Antwort liefert zwei Zahlen — Personenanzahl und Personentage — und unterscheidet zwischen vor Ort und remote. Frage 6: Wer war auf Ihrer Klinik-Seite die benannte Champion-Rolle, mit welchem Anteil der Arbeitszeit, und wie wurde diese Freischaltung im Klinik-Alltag dokumentiert? Substanziell wird die Auskunft erst, wenn sie eine Person, einen Arbeitszeit-Anteil und eine Form der dokumentierten Freischaltung benennt. Diese beiden Fragen haben eine Methoden-Grundlage.Damschroder und Kolleg:innen (Consolidated Framework for Implementation Research, CFIR, 2009) sowie Greenhalgh und Kolleg:innen (Non-adoption, Abandonment, Scale-up, Spread, and Sustainability, NASSS, 2017) konsolidieren die Implementations-Forschung um zwei Variablen, die in scheiternden Klinik-IT-Vorhaben empirisch häufiger auftreten als technische Reife-Defizite: Begleitungs-Intensität in Personentagen vor Ort und benannte Champion-Rolle auf Anwender-Seite. Antworten in der Form „wir wurden eng begleitet“ oder „wir hatten viel Kontakt“ sind Antwort-Pattern ohne Personentage-Substanz. Eine Begleitungs-Zusage, die nicht in Personentagen konkret wird, ist keine Begleitungs-Zusage — sondern eine Verabredung, deren Umfang nach Vertragsschluss verhandelt wird.
Achse 4 — Organisatorischer Druck: Wo die Skalierung sichtbar wird
Frage 7: An welchem Tag der Einführung war der organisatorische Druck am höchsten, und welche zwei Stellen haben ihn getragen? Eine tragfähige Antwort markiert eine Phase — typischerweise zwischen Schnittstellen-Anbindung und parallelem Doku-Pflicht-Lauf — und nennt die Stellen, die den Druck getragen haben: meistens IT-Leitung und ärztliche Leitung gemeinsam, in seltenen Fällen die Pflege-Übergabe. Frage 8: Welche organisatorische Anpassung war im Lauf der Einführung notwendig, die im Vertrag nicht vorgesehen war? Belastbar ist die Antwort dann, wenn sie eine konkrete Anpassung benennt — eine zusätzliche Schicht im Aufnahme-Team, eine veränderte Übergabe-Stelle zwischen Sozialdienst und Aufnahme, eine modifizierte Visiten-Doku-Struktur. Antworten in der Form „wir haben unseren Prozess angepasst“ sind Bezugs-Aussagen ohne Inhalt. Wenn auf Frage 7 und Frage 8 organisatorische Stellen ohne Anpassungs-Inhalt benannt werden, hat die Beschaffung den nächsten Befund: Der Referenzkunde betrachtet die Einführung als Software-Vorgang, nicht als organisatorische Anpassung — und die Aussagen über die Software sind dann an einer anderen Stelle als der Beschaffung verankert.

Achse 5 — Re-Decision-Frame: Was Sie heute anders entscheiden würden
Frage 9: Wenn Sie die Beschaffung heute noch einmal führen würden, was würden Sie konkret anders entscheiden? Eine ehrliche Antwort markiert drei bis fünf Stellen — Vertrags-Klauseln, Funktions-Phasen, Schnittstellen-Festlegungen, Schulungs-Aufwand, Champion-Freischaltung — und ordnet jeder Stelle eine konkrete Änderung zu. Eine Antwort der Form „im Großen und Ganzen würden wir es genauso machen“ ist die häufigste, die ein Vermittlungs-Gespräch produziert; sie ist nicht falsch, sie ist nur leer. Frage 10: Welcher Aspekt der Software, den Sie zum Zeitpunkt der Beschaffung als nachrangig eingestuft haben, hat sich im Betrieb als relevant herausgestellt? Belastbar ist nur die Antwort, die einen konkreten Aspekt benennt — Audit-Trail-Tiefe, Schnittstellen-Pflege-Latenz, Konfigurations-Aufwand für Indikations-Spezifika, Stabilität bei Spitzen-Last. Diese beiden Fragen sind Teil der etablierten Anbieter-Bewertung in der KLAS-Research-Tradition, die strukturierte Anwender-Befragungen entlang fünf Achsen führt — Loyalty, Operations, Relationship, Product, Value — mit getrennten Skalen je Achse statt eines Gesamt-Scores. Eine Re-Decision-Frage ohne benannte Stellen ist keine Re-Decision-Antwort; sie ist eine Höflichkeits-Aussage zwischen zwei Häusern, die sich aus Branchen-Kontexten kennen.
Die zehn Fragen liefern den Beschaffungs-Befund nur dann, wenn sie schriftlich an den Referenzkunden gelangen, bevor er die Sitzung vorbereitet — das Pre-Reading ist die Methoden-Stufe, die aus einer freundlichen Vermittlung eine vergleichbare Bewertung macht. In der Beschaffungs-Methodik der Healthcare Information and Management Systems Society (HIMSS) — etwa in der Davies-Award-Dokumentations-Tradition — sind dokumentierte Site-Visits und schriftliche Pre-Reading-Fragen ein Mindeststandard, um Klinik-IT-Implementierungen vergleichbar zu bewerten. Die Beschaffungs-Empfehlungen des Katholischen Krankenhausverbands Deutschlands (KKVD) unterscheiden Anbieter-vermittelte Referenzkunden von Klinik-eigenen Anschluss-Recherchen. Die Kombination aus beidem — schriftliche Vorab-Fragen an den vermittelten Referenzkunden plus eine eigenständige Recherche zu mindestens einem nicht-vermittelten Haus mit vergleichbarem Indikations-Profil — macht aus einer dreißig-Minuten-Sitzung eine zweistimmige Bewertung. Wer die zehn Fragen drei Werktage vor dem Termin an den Anbieter schickt, mit der Bitte um Weiterleitung und Bestätigung des Versands, liest das erste Antwort-Pattern bereits in der Rückmail des Anbieters.

Das Referenzkunden-Gespräch entscheidet die Klinik-IT-Beschaffung nicht über die bessere Software, sondern über die Frage-Form, mit der die Sitzung geführt wird. Zehn Anschluss-Fragen, schriftlich versandt, an einen vermittelten und einen selbst recherchierten Referenzkunden, ergeben kein längeres Gespräch — sie ergeben ein anders strukturiertes. Was am Vergabetag entschieden wird, wurde an dieser Stelle vorbereitet. Stimmungs-Aussagen sind die häufigste Resonanz eines Vermittlungs-Termins; eine Datums-Spanne, eine Personentage-Zahl und eine konkret benannte Re-Decision sind die Resonanz einer Beschaffungs-Sitzung. Die Differenz zwischen beiden steht selten in den Folien — sie steht in den Fragen davor.
Der Beitrag beschreibt eine Beschaffungs-Methodik in der Klinik-IT entlang öffentlich dokumentierter Methoden-Rahmen — Implementation Science (CFIR, NASSS), Healthcare Information and Management Systems Society (HIMSS), KLAS Research, Empfehlungen des Katholischen Krankenhausverbands Deutschlands (KKVD) und der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), sowie der Vergabe-Leitfäden zum Krankenhauszukunftsgesetz (KHZG) des Bundesamts für Soziale Sicherung (BAS). Er nennt keine Anbieter-Namen und gibt keine Rechtsauslegung zu Vergabe-Recht oder Beschaffungs-Verträgen — die Anwendung im konkreten Fall ist Sache der Klinik-Geschäftsführung, der IT-Leitung und der zuständigen Vergabe-Stelle.


