Die externe Festplatte: warum Ärzt:innen noch immer auf die eigene Hand schreiben
Wer Kaliumwerte auf den Handrücken kritzelt, ist nicht nachlässig. Das Arbeitsgedächtnis ist erschöpft, und ein Kugelschreiber auf der Haut bleibt die schnellere Schnittstelle als die Akte, die wir gebaut haben. Ein Plädoyer, die Bürokratie zu automatisieren.

Dr. Sven Jungmann
CEO

Betreten Sie morgens während der Visite eine beliebige Akutstation, und Sie sehen immer dasselbe Bild. Ein Assistenzarzt, das Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt, überträgt einen Kaliumwert auf einen Zettel — oder auf den eigenen Handrücken. Wir deuten das gern als Nachlässigkeit: Ärzt:innen mit unleserlicher Schrift, denen die Akte gleichgültig ist. Die Wahrheit liegt näher am Gegenteil. Sie schreiben, weil sie Angst haben, etwas zu vergessen.
Wer im Dienst zwanzig komplexe Patient:innen gleichzeitig trägt, dem geht das Arbeitsgedächtnis aus. Das Aufschreiben ist keine Schlamperei, es ist eine kognitive Notwendigkeit. Die Notiz wird zur externen Festplatte, zu dem, was den Kaliumverlauf von Patient A davon abhält, in die Rhythmusstörung von Patient B überzulaufen. Sie zwingt etwas Struktur auf viel Chaos.
Das Problem war also nie, dass Ärzt:innen dokumentieren müssen. Das Problem ist, dass das Werkzeug, das wir ihnen gegeben haben, so schwerfällig ist, dass ein Kugelschreiber auf der Haut noch immer das schnellere Instrument zum Denken bleibt. Wir haben eine Akte gebaut, der man entkommen muss, um seine Arbeit zu tun.
“Zum Denken zu schreiben und sich abzusichern sind zwei verschiedene Handlungen. Das eine braucht eine Ärztin. Das andere braucht ein System.”
Schreiben, um zu denken — schreiben, um sich abzusichern
Seien wir ehrlich, was geschieht, wenn diese Ärztin sich schließlich an ein Terminal setzt, um die Notizen von ihrer Hand zu übertragen. Der Zweck verschiebt sich leise. Sie hört auf, zum Denken zu schreiben, und beginnt, sich abzusichern — für das Audit, für den Medizinischen Dienst, für die Kollegin, die eines Tages fragen könnte, warum eine Entscheidung so und nicht anders fiel.
Die meisten Verlaufseinträge entstehen heute für eine prüfende Instanz in einigen Jahren, nicht für die Kollegin, die den Fall in fünf Stunden übernimmt. Um diese absichernde Schicht aufzubauen, füllt die Ärztin die Akte mit Doppelungen: Sie kopiert bereits gespeicherte Laborwerte hinein, nur um zu belegen, dass sie sie gesehen hat, und setzt denselben Textbaustein unter jeden Absatz. In dieser Flut an Pflichttext geht das eine unter, worauf es ankam — das klinische Denken. Wir haben die Akte rechtlich belastbar und klinisch unlesbar gemacht.
Die Maschine schreibt mit, die Ärztin redigiert
Der Ausweg ist eine nüchterne Arbeitsteilung. Ein Eintrag erledigt zwei Aufgaben zugleich, und nur eine davon braucht einen Menschen. Die erste ist Routinearbeit: Vitalwerte, Medikationslisten, die üblichen Sicherheitschecks. Niemand sollte das von Hand übertragen. Ein System kann es im Hintergrund erfassen — über ambiente Aufzeichnung oder die Anbindung an die bestehende Akte — und die Nachvollziehbarkeit lückenlos halten, ohne die Aufmerksamkeit der Ärztin auch nur zu berühren.
Die zweite Aufgabe lässt sich nicht abgeben: die Synthese. „Ich pausiere den Betablocker, weil die Patientin symptomatisch ist, obwohl das Ziel der Frequenzkontrolle erreicht ist.“ Dieser Satz ist der Grund, warum die Ärztin im Haus ist. Befreit von der Dateneingabe kehrt der Eintrag zu seinem ursprünglichen Zweck zurück — ein Ort zum Denken, kein Ort zum Ablegen.
Ein Mechanismus der Qualität, keine Bequemlichkeit
Es hilft, sich von der Vorstellung zu lösen, automatisierte Dokumentation sei eine Annehmlichkeit für bequeme Ärzt:innen. Wer auf die eigene Hand schreibt, versucht, sicher zu arbeiten. Wer Müll in die Akte kopiert, versucht, sich abzusichern. Beides sind vernünftige Reaktionen auf ein System, das das Protokollieren von Fakten mit dem Nachdenken über sie verwechselt hat.
Die Aufgabe für alle, die über die Technik entscheiden, ist also enger, als sie klingt. Automatisieren Sie die Bürokratie, damit die externe Festplatte im Kopf einer Klinikerin für das Lösen des Falls genutzt werden kann und nicht für das Erinnern, ihn zu protokollieren. Es geht nicht darum, dass Ärzt:innen weniger schreiben. Es geht darum, ihnen den Teil der Akte zurückzugeben, der je das Schreiben wert war.


