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6 Min. Lesezeit

KI-Dokumentation im Krankenhaus: Anbieter im Vergleich (2026)

Tandem Health, Recare, voize, FICUS, aiomics: Wer macht was, wer ist wofür zertifiziert, und welche Fragen trennen die Kategorien? Ein nüchterner Überblick für Klinikentscheider:innen.

Dr. Sven Jungmann

Dr. Sven Jungmann

CEO

Editoriale Collage: mehrere Dokumentfragmente unterschiedlicher Herkunft, geometrisch geordnet, ein bernsteinfarbener Punkt markiert die Prüfstelle

Drei Anbieter-Präsentationen liegen auf dem Tisch, und alle drei versprechen dasselbe: weniger Dokumentationslast, mehr Zeit für Patient:innen, DSGVO-konform. Die Folien unterscheiden sich in der Farbpalette. Die Produkte dahinter unterscheiden sich in fast allem — in dem, was sie überhaupt verarbeiten, in ihrem regulatorischen Status, im Ort der Datenverarbeitung und in der Frage, wer am Ende prüft, ob das Ergebnis stimmt.

Dieser Überblick sortiert die bekanntesten Anbieter für deutsche Kliniken, so nüchtern wie möglich. Angaben der Wettbewerber stammen aus deren eigenen Veröffentlichungen und sind entsprechend gekennzeichnet. Wo wir selbst betroffen sind, sagen wir es dazu.

Vier Kategorien, die in Präsentationen gern verschwimmen

Der Markt wirft derzeit vier verschiedene Produktgattungen in einen Topf, die unterschiedliche Probleme lösen.

  • Ambient Scribes zeichnen das Arzt-Patient-Gespräch auf und erzeugen daraus Notizen oder Briefe. Sie beantworten die Frage: Was wurde gesagt?
  • Extraktionsplattformen lesen vorhandene Dokumente aus und übertragen Inhalte in Systeme oder Formulare. Sie beantworten die Frage: Was steht in den Unterlagen?
  • Sprachdokumentation für die Pflege ersetzt die Tastatur durch Diktat in strukturierte Pflegedoku.
  • Eine Verifikationsschicht prüft extrahierte oder generierte Aussagen gegen das Quelldokument und die bestehende Akte, bevor Menschen ihnen vertrauen. Sie beantwortet die Frage: Stimmt das überhaupt?

Wer einen Scribe kauft, hat damit keine Antwort auf den Faxstapel in der Aufnahme. Wer Extraktion kauft, hat noch keine Antwort auf die Frage, ob die extrahierte Diagnose durch das Quelldokument gedeckt ist. Die Kategorien ergänzen sich eher, als dass sie konkurrieren — umso wichtiger ist, zu wissen, was man gerade vergleicht.

Die Anbieter im Einzelnen

Tandem Health (Stockholm)

Tandem Health ist der europäische Referenzanbieter für KI-Schreibassistenz am Gespräch. Nach eigenen Angaben nutzen mehr als 5.000 Gesundheitseinrichtungen in Europa das Produkt, mit über 100 Integrationen in Praxis- und Klinikinformationssysteme. Regulatorisch hat Tandem 2026 Maßstäbe gesetzt: Im Februar wurde der Kodier-Assistent, im Mai der KI-Scribe selbst nach EU-MDR als Medizinprodukt der Klasse IIa zertifiziert — beim Scribe nach Unternehmensangaben als erster Anbieter Europas. Vorausgegangen war eine Inspektion der schwedischen Arzneimittelbehörde, deren vorläufiges Ergebnis laut Tandems eigener Zusammenfassung lautete: Klasse I reicht für einen KI-Scribe nicht. Diese Zertifizierungsarbeit verdient Anerkennung; sie hebt die Messlatte für die gesamte Kategorie. Der deutsche Marktauftritt konzentrierte sich bisher erkennbar auf den ambulanten Bereich.

Recare (Berlin)

Recare kommt aus dem digitalen Entlass- und Überleitungsmanagement und positioniert sich seit einer Finanzierungsrunde über 37 Millionen Euro unter Führung von DNV — seither größter Gesellschafter — als KI-Plattform für Kliniken, mit Modulen für Extraktion, Sprache und Dokumente. Nach eigenen Angaben arbeitet das Unternehmen mit über 1.000 Kliniken. Die Stärke liegt in der Breite der Krankenhauskontakte aus dem Überleitungsgeschäft. Wer Recare evaluiert, sollte dieselbe Frage stellen wie bei jedem Anbieter dieser Liste: Wie wird geprüft, ob extrahierte Inhalte durch die Quelle gedeckt sind — und wer prüft es?

voize (Berlin)

voize hat sich auf Sprachdokumentation in der Pflege spezialisiert und gilt dort als Marktführer im deutschsprachigen Raum. In einer Charité-geführten Studie reduzierte voize die Pflegedokumentationszeit nach Studienangaben um 27 Prozent. Für Häuser, deren größter Schmerzpunkt die Pflegedoku ist, ist das die spezialisierteste Lösung dieser Liste — mit bewusst engem Fokus.

FICUS Health

FICUS Health adressiert die Dokumentation in Rehabilitationskliniken und hat dort in kurzer Zeit Sichtbarkeit aufgebaut. Der Reha-Sektor mit seiner Mischung aus DRV-Logik, GKV-Anforderungen und Entlassberichten ist ein eigenes Terrain — dass es dafür inzwischen mehrere spezialisierte Anbieter gibt, spricht für die Größe des Problems.

aiomics (Berlin)

Wir gehören in diese Liste mit einer anderen Prämisse: aiomics ist kein Scribe (für uns ist ‘Speech-to-Text’ einfach ein neues Standard-Interface und kein eigenständiges Produkt), sondern die Verifikationsschicht über der Krankenhaus-IT. Das System liest unstrukturierte Dokumente ein — Faxe, PDFs, Zuweisungen, Fragebögen —, prüft jede extrahierte Aussage gegen das Quelldokument und legt zu jedem Feld offen, woher es stammt. Auf dieser geprüften Akte laufen Aufnahme- und Zuweisungsmanagement sowie der Falldialog mit den Kostenträgern; eine Gesprächsdokumentation für das Aufnahmegespräch ist ebenfalls in Produktion, bewusst eng geschnitten. aiomics ist in deutschen Reha-Kliniken live im Einsatz, ISO-27001-zertifiziert (TÜV Nord), verarbeitet ausschließlich in der EU, und die Genauigkeit wird an der Charité unabhängig evaluiert. Eine Zertifizierung nach MDR Klasse IIa für die Gesprächsdokumentation ist in Vorbereitung. Nach unserer Marktkenntnis prüft derzeit kein anderer Anbieter dieser Liste neue Daten systematisch gegen die bestehende Patientenakte — genau dafür haben wir aiomics gebaut, und genau daran sollten Sie uns messen.

Der Vergleich entlang der Kriterien, die im Betrieb zählen

  • Modalität: Tandem verarbeitet das gesprochene Gespräch; Recare Dokumente und Sprache nach Plattform-Ansatz; voize das Pflege-Diktat; FICUS die Reha-Dokumentation; aiomics Bestandsdokumente plus Aufnahmegespräch, mit der geprüften Akte als Kern — unabhängig vom Anwendungsfall.
  • Medizinprodukte-Status: Tandem ist nach eigenen Angaben für Scribe und Kodier-Assistent Klasse IIa zertifiziert. aiomics ist bewusst außerhalb der Medizinprodukte-Abgrenzung positioniert, wo es um Dokumenten- und Prozessarbeit geht, und bereitet für die Gesprächsdokumentation eine Klasse-IIa-Zertifizierung vor. Bei allen Anbietern gilt: Lassen Sie sich die Abgrenzungsdokumentation zeigen, nicht nur das Ergebnis.
  • Datenhaltung: Fragen Sie nach dem konkreten Verarbeitungsort und danach, ob Sprach- und Dokumentendaten das eigene Hosting verlassen. aiomics betreibt die Spracherkennung selbst gehostet in der EU; Audio wird standardmäßig nach 72 Stunden mit kryptografischem Nachweis gelöscht.
  • Verifikation: Die Kernfrage der Kategorie. Generative Systeme machen Fehler flüssiger und damit glaubwürdiger. Entscheidend ist, ob das System jede Aussage mit ihrer Quelle verknüpft — und ob unbelegte Aussagen blockiert oder nur markiert werden.
  • Evidenz: voize verweist auf eine Charité-geführte Studie; aiomics wird an der Charité unabhängig evaluiert. Bei allen anderen Angaben dieser Liste handelt es sich um Herstellerangaben — ein Unterschied, den man beim Vergleichen im Kopf behalten sollte.

Fünf Fragen, die Sie jedem Anbieter stellen sollten

  1. Prüft das System seine Ergebnisse gegen das Quelldokument und die bestehende Akte — und was passiert mit Aussagen, für die es keine Quelle findet?
  2. Wo läuft die Verarbeitung, wer ist Subprozessor, und was wird wann nachweisbar gelöscht?
  3. Wie geht das System mit Auslassungen um? Studien zeigen, dass fehlende Informationen in KI-Dokumentation häufiger sind als erfundene — wer nur nach Halluzinationen fragt, prüft die kleinere Fehlerklasse.
  4. Welche Handlung erzwingt das System von Ärzt:innen vor der Übernahme — eine Sammelbestätigung oder eine nachvollziehbare Einzelfreigabe?
  5. Wie ist der Medizinprodukte-Status begründet und dokumentiert — unabhängig davon, wie er ausfällt?

Wenn Sie diese Fragen mit uns durchgehen wollen — auch dann, wenn aiomics dabei nicht die richtige Antwort für Ihr Haus ist —, schreiben Sie uns. Und wer den Markt weiter beobachten will: Unser Newsletter Visite ordnet Entwicklungen wie diese laufend ein.

Quellen

  1. Tandem Health. Tandem's Coding Assistant is now MDR Class IIa certified. Unternehmensmitteilung, 16.02.2026. tandemhealth.ai/resources/news.
  2. Tandem Health. Tandem's AI Scribe is now MDR Class IIa certified. Unternehmensmitteilung, 21.05.2026. tandemhealth.ai/resources/news.
  3. Tandem Health. Zusammenfassung der vorläufigen Inspektionsergebnisse der schwedischen Arzneimittelbehörde (Dnr 6.6.3-2025-109474). Unternehmensmitteilung, Mai 2026.
  4. Läkartidningen. Läkemedelsverket ska granska AI-assistenter. 04.03.2026. lakartidningen.se.
  5. Recare. Recare sichert sich 37 Mio. Euro für Ausbau seines KI-Agenten – mit DNV als Lead-Investor. Unternehmensmitteilung, 2026. recaresolutions.com; DNV. DNV becomes the largest shareholder in Recare. dnv.com, 2026.
  6. MDCG 2019-11 Rev. 1. Qualification and classification of software — Regulation (EU) 2017/745. Europäische Kommission, 17.06.2025.
  7. Fehleranalyse über fünf Ambient-Dokumentationsplattformen: Transkript- und Notizfehler. Mayo Clinic Proceedings: Digital Health, 2025. mcpdigitalhealth.org.

Quellen abgerufen im Juli 2026.

#KI Dokumentation Krankenhaus#Anbieter Vergleich#Ambient Scribe#Tandem Health Alternative#Klinik Software

Angaben zu anderen Anbietern beruhen auf deren eigenen Veröffentlichungen (Stand Juli 2026) und sind entsprechend gekennzeichnet.

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Diese Analyse stammt von den Leuten hinter Visite.

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