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Reflexionen3 Min. Lesezeit

Die negative Arbitrage des modernen Krankenhauses

Wir beschäftigen einige der teuersten Köpfe der Volkswirtschaft und verbringen ihren halben Tag mit Aufgaben, die Lesefähigkeit verlangen, kein Medizinstudium. Das ist kein Wohlfühlproblem. Es ist eine Fehlallokation von Kapital, die wir anderswo nie hinnähmen.

Dr. Sven Jungmann

Dr. Sven Jungmann

CEO

Eine müde Fachärztin im Kittel sitzt an einem Stationsarbeitsplatz und gibt Daten in eine dichte Bildschirmmaske ein, eine Hand noch auf einer Papierakte.

Stellen Sie sich einen Fonds vor, der eine Händlerin zu einem Gehalt im sechsstelligen Bereich anwirbt und sie dann verpflichtet, jeden Tag zur Hälfte Zahlen von Hand in eine Tabelle zu tippen. Die Investoren würden das kein Kulturproblem nennen. Sie würden es Missmanagement nennen, und sie hätten recht. Genau das aber ist, mehr oder weniger, das Betriebsmodell des europäischen Gesundheitswesens. Wir beschäftigen einige der seltensten geistigen Talente der Volkswirtschaft und setzen einen großen Teil davon als Schreibkräfte ein.

Die Zahl, die am häufigsten genannt wird: Annähernd ein Drittel der Arbeitszeit einer Klinikerin entfällt inzwischen auf die Dokumentation, nicht auf die Patient:innen. Wie genau der Anteil auch liegt — wer je auf einer Station gearbeitet hat, kennt die Form der Sache: die Oberärztin, die neunzig Sekunden lang brillant über einen schwierigen Fall nachdenkt und dann neun Minuten damit ringt, dieses Denken in eine Maske zu zwingen, die jemand entworfen hat, der nie einem Patienten begegnet ist.

Die Verwaltungslast ist nicht bloß ein Ärgernis. Sie ist ein stiller Dämpfer klinischer Intelligenz: Wo Expert:innen zu Schreibkräften gemacht werden, erwirtschaftet das Haus keine Rendite mehr auf seinen seltensten Vermögenswert.

Expertensätze für Schreibarbeit

In der Finanzwelt ist Arbitrage die Kunst, aus einer Preisdifferenz Gewinn zu ziehen. Was Kliniken betreiben, ist eher das Gegenteil. Jede Stunde, die eine erfahrene Ärztin damit verbringt, einen Entlassbrief zu formatieren, Laborwerte von einem Bildschirm auf den nächsten zu übertragen oder einer widerspenstigen Akte einen Eintrag abzuringen, ist eine Stunde, eingekauft zum Facharztsatz und ausgegeben für Arbeit, die kein Fachwissen verlangt.

In der Bilanz sehen Sie nur die Personalkosten. Was Sie nicht sehen, ist, wie diese Kosten tatsächlich verwendet werden. Wir haben stillschweigend hingenommen, dass ein erheblicher Teil der Zeit unserer teuersten Kliniker:innen in Aufgaben fließt, die Lesefähigkeit verlangen, kein Medizinstudium. Es ist, als kaufte man einen Rennmotor, um damit eine Furche durchs Feld zu ziehen, und beklagte sich dann, wie teuer das Pflügen sei.

Der Schreiber und die Klinikerin teilen sich keinen Kopf

Es gibt einen zweiten Preis, schwerer in irgendeine Aufstellung zu bringen und gerade deshalb schädlicher. Der schreibende Verstand und der klinische Verstand sind nicht bloß verschieden. Sie stehen einander im Weg.

Der Schreiber fragt, ob jedes Pflichtfeld ausgefüllt ist und ob die Abrechnungsziffer Bestand hat. Die Klinikerin fragt, ob ein leises Symptom dem Laborwert still widerspricht und was die Patientin gerade nicht sagt. Das sind zwei Weisen der Aufmerksamkeit, und ein Mensch kann nicht beide zugleich halten. Wer eine Expertin in die Haltung des Schreibers zwingt — Aufgabe erledigen, Kästchen setzen, den Eintrag zum Speichern bringen —, verlangsamt sie nicht nur. Er schaltet genau die Fähigkeit ab, für die er bezahlt. Die Randfälle fallen nicht mehr auf, weil die Aufmerksamkeit, die sie bemerkt hätte, von der Oberfläche aufgezehrt ist.

Nüchtern gesagt: Wir bezahlen am Ende für das Urteil einer Spezialistin und erhalten das Ergebnis einer erschöpften Verwaltungskraft. Die Intelligenz ist weiter im Haus. Sie wird nur nicht gebraucht.

Die Aufmerksamkeit zurückgewinnen, nicht ein Zugeständnis kaufen

Der Sinn der Digitalisierung war nie, die Ärztin oder die Pflegekraft zu ersetzen. Er war, die Verwaltungsarbeit nicht länger still auf den teuersten und seltensten Menschen im Raum abzuwälzen. Genau hier liegen die meisten Häuser noch verkehrt herum. Werkzeuge, die Dokumentation verringern, gelten als Annehmlichkeit für das Personal, als Geste in Richtung Wohlbefinden. Treffender versteht man sie als Weg, einen Vermögenswert zurückzugewinnen, den das Haus längst bezahlt und derzeit verschwendet.

Das stellt die Frage für alle, die ein Budget verantworten, neu. Die Zeit, die eine erfahrene Ärztin ans Tippen verliert, ist kein Posten der Personalzufriedenheit. Sie ist ungenutzte Kapazität in der knappsten Ressource, die das System hat. Wer sich auf einen Fachkräftemangel einstellt, muss nicht zwingend zuerst mehr Kliniker:innen suchen. Er muss aufhören, die vorhandenen als gut bezahlte Sekretär:innen zu verbrauchen.

#Reflexionen#Klinikstrategie#Ärztliche Produktivität#Gesundheitsökonomie#Dokumentationslast

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