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Reflexionen3 Min. Lesezeit

Das Präzisionsparadox: Weltklasse-Wissenschaft, Logistik aus der Faxgerät-Ära

Auf der Bühne geht es um digitale Zwillinge und Multi-Omics. Auf der Station versuchen wir, einen Entlassbrief aus der Klinik gegenüber zu lesen. Diese Lücke ist kein Wissenschaftsproblem, sondern ein Infrastrukturproblem.

Dr. Sven Jungmann

Dr. Sven Jungmann

CEO

Ein Entlassbrief läuft aus einem alten Faxgerät in einem Klinikregal, daneben eine abgeschaltete Konsole für Genomsequenzierung.

Ich habe einen Vormittag in einer Keynote über digitale Zwillinge und Multi-Omics verbracht, bin am Nachmittag zurück auf die Station gegangen und habe dort zwanzig Minuten damit zugebracht, einen Entlassbrief aus der Klinik gegenüber zu bekommen. Die Antwort lautet in weiten Teilen Europas noch immer: das Faxgerät. Beides ist am selben Tag wahr, im selben Haus, und der Abstand zwischen diesen beiden Szenen ist die ehrlichste Beschreibung dessen, wo das europäische Gesundheitswesen tatsächlich steht.

Wir erzählen uns seit über einem Jahrzehnt, dass die Präzisionsmedizin kommt. Die Wissenschaft ist real, die Keynotes liegen nicht falsch. Aber diese Wissenschaft ruht auf einer Logistikschicht, für die sich ein mittelständischer Spediteur schämen würde. Wir liegen nicht deshalb zurück, weil uns gegenüber den vertikal integrierten Systemen der USA oder den datenreichen Systemen Asiens der Verstand oder der Wille fehlte. Wir liegen zurück, weil wir immer wieder versuchen, einen Formel-1-Motor auf einen Traktor zu setzen.

Die größte Hürde für die Präzisionsmedizin ist kein Mangel an Rechenleistung. Es ist das Fehlen einer durchgängigen Geschichte der Patientin.

Die Sektorengrenze

Das prägende Merkmal vieler europäischer Gesundheitssysteme ist die Mauer zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Beide werden aus verschiedenen Töpfen finanziert, von verschiedenen Gesetzen geregelt und auf Systemen betrieben, die buchstäblich nicht dieselbe Sprache sprechen. Ältere Aktensysteme wurden nie dafür gebaut, Daten einfach und günstig teilbar zu machen, und kaum etwas hat sie dazu gezwungen. Für die Präzisionsmedizin ist diese Grenze das, was leise alles andere zunichtemacht.

Präzision lebt vom Zusammenhang. Um eine Therapie auf einen Menschen zuzuschneiden, müssen Sie dreierlei gleichzeitig im Blick haben: den genomischen Marker aus dem Kliniklabor, die Lebens- und Krankengeschichte, die bei der Hausärztin und in den Angaben der Patient:innen liegt, und ein Gespür für die langfristige Therapietreue — selbst wenn die Apothekendaten, die darauf hindeuten, ein unsicherer Anhaltspunkt sind. Für die Ärztin ist das ein Mensch. Für unsere Infrastruktur sind es drei Fremde, die zufällig denselben Namen tragen.

Der eine hat einen Tumor. Der andere bewältigt eine Depression und ein Wohnungsproblem. Der dritte kauft still rezeptfreie Schmerzmittel. Solange diese Akten nicht zu einer durchgängigen Geschichte zusammengeführt sind, kann kein Modell — so ausgefeilt es auch sei — eine präzise Empfehlung erzeugen. Es kann nur eine selbstbewusste Vermutung auf der Grundlage eines Bruchteils der Evidenz erzeugen. Für selbstbewusste Vermutungen auf lückenhafter Datenbasis haben wir einen Namen, und er ist nicht schmeichelhaft.

Innovationstheater

Die Versuchung der Führung besteht darin, den mühsamen Teil zu überspringen. Ein renommiertes KI-Pilotprojekt in der Onkologie signalisiert, dass das Haus modern ist; es macht sich gut auf dem Foto; es lässt sich leicht genehmigen. Aber wenn dieses Modell die Daten der überweisenden Praxis nicht sehen kann, weil die einzige Schnittstelle ein manueller Upload ist, wird das Budget für eine Vorhersage ausgegeben, die scheitert, bevor sie überhaupt läuft. Das Modell irrt nicht, weil die Mathematik schwach wäre. Es irrt, weil es den größten Teil der Patientin nicht sieht.

Das ist Innovationstheater: der Anschein von Fortschritt, finanziert auf Kosten genau des Fundaments, das Fortschritt erst möglich machen würde. Es ist eine teure Art, sich modern zu fühlen.

Erst die Infrastruktur

Wenn Europa die Lücke schließen will, muss es aufhören, Interoperabilität als lästige Pflichtübung der IT-Abteilung zu behandeln, und beginnen, sie als das zentrale klinische Vorhaben des Jahrzehnts zu begreifen. Die innovativste Entscheidung, die eine Führungskraft im Gesundheitswesen treffen kann, ist nicht der Kauf einer weiteren undurchsichtigen Lösung. Es ist die unglamouröse, politisch zähe Arbeit, die Mauer zwischen den Sektoren einzureißen.

Bevor Sie fragen, welches Modell Sie kaufen, stellen Sie die kleinere Frage: Können wir aus dieser Patientin überhaupt eine durchgängige Zeitachse bilden? Lautet die Antwort nein, wird Sie auch mehr Rechenleistung nicht retten. Integration ist vorerst die einzige Innovation, auf die es ankommt — und ausgerechnet die, die niemand auf eine Konferenzfolie schreiben möchte.

#Reflexionen#Präzisionsmedizin#Interoperabilität#Gesundheitsdaten#Digitalisierung

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Diese Analyse stammt von den Leuten hinter Visite.

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