Die Gefahr am späten Nachmittag: Wenn schlechte Software zum klinischen Risiko wird
Wir regeln, wie lange eine Ärztin arbeiten darf, aber nicht, wie sehr der Tag ihr Urteilsvermögen zermürbt. Die gefährlichste Erschöpfung in einer Klinik sitzt nicht in den Beinen, sondern in jenem Teil des Denkens, der sorgfältig entscheidet.

Dr. Sven Jungmann
CEO

Am späten Nachmittag ist die Station ruhiger, aber der Tag ist nicht leichter geworden. Eine Ärztin, die um acht Uhr morgens einen schwierigen Fall sorgfältig durchdacht hat, steht nun vor einer Routinekonsultation, und etwas hat sich verschoben. Nicht das Wissen — sie weiß genau so viel wie beim Frühstück. Versiegt ist die Bereitschaft zu jenem langsamen, anstrengenden Denken, das ihr am Morgen noch so leichtfiel.
Die europäische Medizin reguliert seit Jahrzehnten den Körper. Wir begrenzen Schichtlängen und schützen Ruhezeiten, weil wir anerkennen, dass eine erschöpfte Ärztin eine Gefahr für Patient:innen ist. Um jene Erschöpfung, die im Dienstplan keine Spur hinterlässt, haben wir fast nichts gebaut: das stetige Abschleifen des Urteilsvermögens im Lauf einer Schicht.
“Die gefährlichste Erschöpfung in einer Klinik sitzt nicht in den Beinen, sondern in jenem Teil des Denkens, der sorgfältig entscheidet.”
Zwei Arten zu denken, ein endlicher Vorrat
Daniel Kahnemans Unterscheidung ist inzwischen vertraut. Es gibt das schnelle Denken — reflexhaft, automatisch, beinahe kostenlos — und es gibt das langsame Denken: bewusst, analytisch, anstrengend. Die komplexe Diagnose und die schwierigeren Gespräche mit Patient:innen verlangen das langsame. Die Routine das schnelle.
Das langsame Denken speist sich offenbar aus einem endlichen Vorrat, und dieser Vorrat zehrt sich durch Gebrauch auf. Hier hört die Gestaltung klinischer Software auf, eine Frage der Bequemlichkeit zu sein, und wird zu einer klinischen. Jedes schwerfällige Menü, jedes Zurücksetzen eines Passworts, jede Warnmeldung, die ohne Grund erscheint und dennoch gelesen und weggeklickt werden muss, verbraucht eine kleine Einheit derselben Aufmerksamkeit, die eine Klinikerin später am Krankenbett braucht. Wir haben Systeme gebaut, die die teuerste Ressource im Haus für ihre billigsten Aufgaben aufzehren.
Der Weg des geringsten Widerstands
Geht der Vorrat zur Neige, hört der Verstand nicht auf zu entscheiden. Er ändert, wie er entscheidet. Er greift nach der schnellen, mühelosen Option — dem Weg des geringsten Widerstands — und dieser Weg ist nicht immer der richtige.
Eine viel zitierte Untersuchung in Hausarztpraxen zeigte, dass Ärzt:innen im Lauf einer Sprechstunde messbar häufiger Antibiotika bei Beschwerden verordneten, die keine rechtfertigten. Der Befund ist unbequem und plausibel. Einem besorgten Patienten zu erklären, warum er kein Rezept braucht, ist anstrengende Arbeit. Das Rezept zu schreiben ist mechanisch einfach. Eine erschöpfte Klinikerin neigt, bei sonst gleichen Umständen, zum Einfachen. Das Wissen war intakt; die Energie, danach zu handeln, war es nicht.
Beachten Sie, was das damit macht, wo wir nach Fehlern suchen. Der Fehler am späten Nachmittag begann nicht am späten Nachmittag. Er begann in den hundert kleinen Reibungen der Stunden davor.
Aufmerksamkeit als Schutzausrüstung
Wir geben Radiolog:innen Bleischürzen und Chirurg:innen sterile Handschuhe, ohne das eine wie das andere als Annehmlichkeit zu bezeichnen. Es ist Schutzausrüstung gegen eine Gefahr der Umgebung. Es lohnt sich, die Aufmerksamkeit einer Klinikerin mit demselben Ernst zu behandeln. Software, die das Standardformular vorausfüllt, die neun von zehn Warnmeldungen unterdrückt, die niemand sehen musste, die Abrechnungsziffern ohne menschliches Zutun erledigt, ist keine Komfortfunktion. Sie schützt jene Fähigkeit, die Sie am Ende eines langen Tages am dringendsten intakt brauchen.
Darin liegt ein praktischer Prüfstein für alle, die unerwünschte Ereignisse aufarbeiten. Wenn Sie einen klinischen Fehler analysieren, hören Sie nicht im Moment des Versagens auf. Sehen Sie sich die Stunde davor an. Zählen Sie die unnötigen Klicks, die überflüssigen Warnmeldungen, die Mikroentscheidungen, die die Klinikerin abarbeiten musste, bevor sie zu der einen kam, auf die es ankam. Hat die Software die Aufmerksamkeit bereits verbraucht, die der Patient gebraucht hätte, dann ist die Software Teil der Ursache — und zwar der Teil, den Sie tatsächlich beheben können.


