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Reflexionen4 Min. Lesezeit

Der Straßenlaternen-Effekt und der hohe Preis der „Nur-Lese“-Medizin

Wir steuern unsere Kliniken nach den Daten, die sauber in eine Datenbank passen — die Ziffern, die Zeitstempel, die Fallgruppen. Die Information, die das Ergebnis wirklich treibt, liegt im Dunkeln, in einem Friedhof eingescannter PDFs. Wir suchen dort, wo das Licht ist.

Dr. Sven Jungmann

Dr. Sven Jungmann

CEO

Eine einzelne Deckenlampe beleuchtet einen kleinen Stapel strukturierter Ausdrucke und eine aufgeräumte Kennzahlenübersicht, während ein großer Haufen eingescannter Briefe und Aktenordner jenseits des Lichts im Schatten verschwindet.

Es gibt einen alten Witz über einen Mann, der nachts unter einer Straßenlaterne nach seinem Schlüssel sucht. Ein Passant hilft ihm eine Weile und fragt schließlich, ob er den Schlüssel denn hier verloren habe. Nein, gibt der Mann zu — verloren habe er ihn dort drüben, im Dunkeln. Warum dann hier suchen? Weil hier das Licht ist.

Das Krankenhausmanagement folgt derselben Logik, und kaum jemandem fällt es auf. Unsere Straßenlaterne sind die strukturierten Daten: ICD-10-Ziffern, DRG-Fallgruppen, Aufnahme- und Entlasszeitpunkte. Wir steuern ganze Häuser nach diesen Zahlen, weil sie es sind, die sauber in eine Datenbank fallen und sich in einer Kennzahlenübersicht ordnen lassen. Sie sind leicht zu zählen, also zählen wir sie — und verwechseln das Zählbare mit dem Wesentlichen.

Seien wir ehrlich, was diese Daten tatsächlich sind. Ein Kompressionsartefakt, ein Signal von geringer Auflösung, in erster Linie für die Abrechnung erzeugt. Eine Ziffer bestätigt, dass eine Pneumonie behandelt wurde, damit die Rechnung Bestand hat. Sie sagt nichts darüber, warum sich der Zustand der Patientin verschlechterte oder welcher soziale Umstand sie in vierzehn Tagen wieder durch die Tür bringt. Die klinische Wirklichkeit — der eigentliche Treiber von Ergebnissen wie Kosten — liegt im Dunkeln, knapp jenseits des Lichtkegels.

Der unstrukturierte Text ist die dunkle Materie der Klinik. Wir wissen, dass er die Ergebnisse formt, und können ihn kaum beobachten, messen oder nutzen.

Der Friedhof der eingescannten Briefe

Wir beglückwünschen uns dazu, das Krankenhaus digitalisiert zu haben. Meist haben wir das Papier nur elektrifiziert. Aus den physischen Stapeln wurden digitale: eingescannte Überweisungsbriefe, PDFs, die niemand durchsuchen kann, lange Felder freien Textes, die reglos in der Akte liegen. Das Dokument ist nun auf einem Bildschirm, aber für eine Maschine ist es so wenig lesbar wie zuvor im Ordner.

Das ist nicht bloß ein blinder Fleck der Auswertung. Es ist eine unsichtbare Steuer auf den Klinikbetrieb, und sie wird zweimal entrichtet. Zuerst in Gehältern. Sitzen Sie einmal in einem Tumorboard und beobachten Sie die ersten Minuten: erfahrene Fachärzt:innen, mit die teuersten Köpfe im Haus, klicken sich durch eingescannte Fremdbefunde auf der Suche nach einem einzigen Herzwert von vor drei Jahren. Das ist keine Medizin. Das ist Archäologie zum Oberarztsatz, und das System erzwingt sie, weil es die Vorgeschichte einer Patientin als Bild behandelt und nicht als etwas, das es lesen kann.

Ein zweites Mal wird sie in wiederholten Untersuchungen entrichtet. Wie viele Aufnahmen und aufwendige Laborpanels werden erneut angefordert, nur weil sich nicht rasch klären ließ, ob sie in der zuweisenden Klinik längst gemacht wurden? Wo der Zugriff auf Information mühsam ist, wird die Doppelung zum Weg des geringsten Widerstands. Wir bezahlen neue Diagnostik nicht, weil die Patientin sie braucht, sondern weil das System die alte nicht lesen kann.

Nicht die Ärzt:innen sollen ablegen

Ein Jahrzehnt lang lautete die Standardantwort, die Ärzt:innen sollten die Daten an der Quelle strukturieren: mehr Auswahlmenüs, mehr Pflichtfelder, mehr Kästchen, bevor sich der Eintrag speichern lässt. Das ist gescheitert. Es zerschnitt den erzählenden Fluss, auf den komplexe Versorgung angewiesen ist, und legte einen weiteren Mühlstein auf die ohnehin mahlende Erschöpfung. Wer von einer Ärztin verlangt, wie eine Datenbank zu denken, verliert am Ende beides — das Denken und die Datenbank.

Der tragfähigere Gedanke ist, das Strukturieren der Maschine zu überlassen. Der freie Text — die Entlassbriefe, die Pflegedokumentation, die Pathologiebefunde — lässt sich im Hintergrund lesen und in die strukturierten Begriffe überführen, die wir wirklich brauchen: die Begleiterkrankungen, die Implantate, die sozialen Risiken. Die Ärztin schreibt weiter Prosa, so wie Ärzt:innen denken; die Struktur wird daraus abgeleitet, statt von ihr verlangt.

Eine Frage für die Strategierunde

Die Frage an Ihre Strategie und an alle, die für Ihre Informationssysteme verantwortlich sind, ist also enger, als sie klingt. Nicht „sind wir digital?“ — das ist inzwischen jeder. Die Frage lautet, ob Ihr Text berechenbar ist. Kann das Haus tatsächlich lesen, was es längst gespeichert hat, oder legt es es nur ab?

Wenn die Antwort lautet, dass es bloß ablegt, dann führen Sie das Haus im Schein der Straßenlaterne, während die Patientin im Dunkeln steht. Der nächste echte Effizienzgewinn entsteht nicht daraus, noch mehr Daten zu erzeugen. Er entsteht daraus, das „Nur-Lese“-Geflecht aus PDFs lesbar zu machen — und während der europäische Gesundheitsdatenraum (EHDS) Gestalt annimmt, ist die Fähigkeit, die eigenen Akten zu lesen, bald kein Vorteil mehr, sondern die Eintrittskarte.

#Reflexionen#Gesundheitsdaten#Klinikstrategie#Klinische Dokumentation#Digitalisierung

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Diese Analyse stammt von den Leuten hinter Visite.

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