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Ein Dokumentarfilm, vier Minuten

Valeries Geschichte

Eine Kinderärztin erzählt, warum sie die Medizin verlassen hat. Und warum ihre Kolleg:innen es selten laut sagen.

Der Film erscheint am 8. Oktober 2026, zwei Tage vor dem Welttag der seelischen Gesundheit, auf Deutsch und Englisch. Presse, Kammern und Verbände erhalten ab dem 1. Oktober einen Vorschau-Link.

Regie Jasper Claus · Produktion 1camera, Amsterdam · im Auftrag von aiomics, Berlin

Auf dem Flur: Valerie Kirchberger mit Tamara Radakovic und Hendrik Steenfadt, die neben ihr vor der Kamera stehen.
Auf dem Flur: Valerie Kirchberger mit Tamara Radakovic und Hendrik Steenfadt, die neben ihr vor der Kamera stehen.

Die Geschichte

Valerie Kirchberger wollte Ärztin werden, seit sie ein Kind war. Ihre Mutter war Psychoanalytikerin und sagte ihr früh, es gebe Menschen, die nur lebten, weil sie mit ihnen arbeite. Diese Wirkung wollte sie auch.

Sie wurde Kinderärztin. Die ersten zwei Jahre auf einer Neugeborenen-Intensivstation in München waren die Arbeit, von der sie geträumt hatte: gut organisiert, viel Zeit bei den kleinsten Patient:innen, die man sich vorstellen kann, Leben retten im Notfall. Dann kam der Wechsel an eines der renommiertesten Universitätsklinika Deutschlands, und mit ihm ein anderer Beruf. Weniger als ein Zehntel ihres Tages fand bei den Patient:innen statt. Der Rest ging an das Dokumentieren, Protokollieren und Absichern jedes einzelnen Schritts, für jemanden, der die Akte später lesen würde und nie im Raum gewesen war.

Im Film beschreibt sie eine Nacht im Dienst als zwei Berufe zugleich: Kinder am Leben halten, und jeden Schritt fehlerfrei aufschreiben. Sie hat aufgehört, zwischen den Diensten zu schlafen. Erst Schlaftabletten in den schwersten Wochen, dann öfter, dann mit Wein, weil die Tabletten allein den Kopf nicht ruhig bekamen. An einem Nachmittag um zwölf stellte sie den Wecker auf fünf Stunden, um vor dem Nachtdienst zu schlafen, und wachte erbrechend auf.

„Mein Traum war immer, Ärztin zu werden. Aber in diesem Moment habe ich verstanden: Ich kann keine gute Ärztin mehr sein.“

2017 hat sie die klinische Medizin verlassen. Sie sagt, sie sei nicht gegangen, sie sei herausgefallen. Die Erschöpfung war weg, die Angst, die Tabletten. Was blieb, war Leere, denn sie hatte das eine zurückgelassen, das sie mehr wollte als alles andere: einem Menschen gegenüberzusitzen, der Hilfe braucht, und sie geben zu können.

Heute geht es ihr gut. Sie hat ein Gesundheitsunternehmen gegründet, Evela Health, und hat vier Kinder. Und sie denkt jeden Tag daran.

„Zwanzig Prozent statt zehn, und es wäre der schönste Beruf der Welt gewesen. Ich wäre nie gegangen.“

Warum wir diesen Film gemacht haben

Ich bin Arzt. Ich habe die Station aus denselben Gründen verlassen wie Valerie. Ich wollte Menschen helfen und habe meine Tage damit verbracht, Faxen hinterherzulaufen und aufzuschreiben, was ich getan hatte, für jemanden, der es später mit dem Kaffeebecher in der Hand lesen würde, ohne eine Ahnung, wie diese Nacht gewesen war. Was nicht dokumentiert ist, hat nicht stattgefunden. Dieser Satz hängt über jedem Dienst.

Als ich Jasper Claus kennenlernte, der seine Filme um den Moment baut, in dem man bewegt ist, wollte ich diese Geschichte mit ihm erzählen. Die eigentliche Geschichte begann danach. Wir haben fast ein Jahr gebraucht, um eine Ärztin zu finden, die das mit ihrem Namen vor der Kamera sagt. Viele wollten. Fast alle kamen zu dem Schluss, es würde ihre Laufbahn beenden. Eine Psychotherapeutin erzählte uns, sie habe überlegt, sich auf die seelische Gesundheit von Ärzt:innen zu spezialisieren, und dann entschieden, dass die Kultur dafür noch nicht da sei.

Etwa die Hälfte der Ärzt:innen berichtet in den großen Befragungen Burnout-Symptome. Fast niemand sagt es öffentlich. Dieser Abstand ist das Stigma. Valerie hat ihn für vier Minuten geschlossen, und dafür sind wir ihr dankbar.

Wir haben diesen Film gemacht, damit die Menschen, die über Krankenhäuser entscheiden, einen der Menschen hinter den Zahlen hören. Politik spricht in Zahlen. Die Menschen dahinter kommen selten zu Wort. Der Film zeigt kein Produkt und verkauft nichts. Wenn Technik hier helfen soll, muss sie sicher sein, geprüft, evidenzbasiert und im Dienst dessen, was Ärzt:innen ausmacht. Der Film handelt davon, warum das zählt.

Dr. med. Sven Jungmann, Arzt, Mitgründer von aiomics

Am Bett, durch die Glastür: die Szene, zu der der Film zurückkehrt.
Am Bett, durch die Glastür: die Szene, zu der der Film zurückkehrt.

Die Zahlen hinter der Geschichte

Valeries „weniger als zehn Prozent“ ist ihre Erfahrung. Die Studien und Befragungen dazu zeigen, wie viele ihrer Kolleg:innen sie teilen. Begutachtete Studien und Verbandsbefragungen sind getrennt gekennzeichnet; alle Quellen stehen unten.

  • 1,7 Stunden

    So lange verbrachten Assistenzärzt:innen der Inneren Medizin an einem Schweizer Universitätsspital pro Tag bei den Patient:innen. Am Rechner: 5,2 Stunden.

    Wenger u. a. 2017, Annals of Internal Medicine (begutachtete Arbeitszeitstudie)

  • 27 Prozent

    Anteil der Arbeitszeit im direkten Kontakt mit Patient:innen bei Ärzt:innen in der ambulanten Versorgung der USA. An Akte und Schreibtisch: 49 Prozent.

    Sinsky u. a. 2016, Annals of Internal Medicine (begutachtete Arbeitszeitstudie)

  • 3 Stunden

    Dokumentation pro Ärzt:in und Tag in deutschen Krankenhäusern, 37,5 Prozent eines Achtstundentags, rechnerisch rund 66.300 Arztstellen.

    Deutsches Krankenhausinstitut für die DKG, September 2025 (Befragung von 400 Krankenhäusern)

  • 28 Prozent

    Anteil der angestellten Ärzt:innen in Deutschland, die darüber nachdenken, die Patientenversorgung ganz aufzugeben. Unter den Ärzt:innen in Weiterbildung: 33 Prozent. Als Grund nennen 52 Prozent von ihnen fehlende Zeit für Patient:innen.

    Marburger Bund, MB-Monitor 2024, 9.649 Befragte (Mitgliederbefragung)

  • 45,2 Prozent

    Anteil der Ärzt:innen in den USA mit mindestens einem Burnout-Symptom im Jahr 2023. Höchststand 2021: 62,8 Prozent.

    Shanafelt u. a. 2022 und 2025, Mayo Clinic Proceedings (begutachtete nationale Reihe)

  • 13 Prozent

    Anteil der Ärzt:innen und Pflegekräfte in der EU, Island und Norwegen mit Suizidgedanken; 30 Prozent berichten depressive Symptome. 90.171 Befragte.

    Mediavilla u. a. 2026, The Lancet Regional Health – Europe (begutachtet)

  • 1,76

    Um diesen Faktor liegt die Suizidrate von Ärztinnen über der von Frauen in der Allgemeinbevölkerung.

    Zimmermann u. a. 2024, BMJ (Metaanalyse, 20 Länder)

  • 21,4 Prozent

    Anteil der Ärztinnen in den USA, die die Kriterien für Alkoholmissbrauch oder -abhängigkeit erfüllten. Bei Ärzten: 12,9 Prozent.

    Oreskovich u. a. 2015, The American Journal on Addictions (begutachtet)

  • Knapp 40 Prozent

    Anteil der Ärzt:innen in den USA, die aus Sorge um Fragen im Zulassungsverfahren zögern würden, psychische Hilfe zu suchen.

    Dyrbye u. a. 2017, Mayo Clinic Proceedings (begutachtet)

  • Fast jede:r Vierte

    23,8 Prozent der Ärzt:innen in einer großen US-Befragung 2020 wollten ihre Tätigkeit innerhalb von zwei Jahren aufgeben.

    Sinsky u. a. 2021, Mayo Clinic Proceedings: Innovations, Quality & Outcomes (begutachtet)

  • 10 bis 11 Millionen

    Von der Weltgesundheitsorganisation erwarteter Mangel an Gesundheitsfachkräften weltweit bis 2030.

    WHO; Boniol u. a. 2022, BMJ Global Health

  • Von 35 auf 6 Prozent

    So sank der Anteil voll krankgeschriebener Ärzt:innen ein Jahr nach einer Beratung im norwegischen Programm Villa Sana. Es gibt Wege zurück.

    Rø u. a. 2008, BMJ (Kohortenstudie)

Was helfen würde

Der Film gibt eine einfache Antwort: mehr vom Tag bei den Patient:innen, und ein Beruf, in dem man sagen darf, dass es einem nicht gut geht, ohne um die Approbation zu fürchten. Beides ist Systemarbeit. Technik kann einen Teil der Verwaltungsarbeit übernehmen; die Evidenz dazu ist jung und uneinheitlich, und maschinell erzeugte Texte enthalten Fehler, die Menschen prüfen müssen. Deshalb gilt: sicher, geprüft, evidenzbasiert, oder gar nicht.

Quellen

  1. Wenger N u. a. Allocation of Internal Medicine Resident Time in a Swiss Hospital. Ann Intern Med 2017;166:579–586. https://doi.org/10.7326/M16-2238
  2. Sinsky C u. a. Allocation of Physician Time in Ambulatory Practice. Ann Intern Med 2016;165:753–760. https://doi.org/10.7326/M16-0961
  3. Deutsches Krankenhausinstitut / DKG. Bürokratiebelastung im Krankenhaus, Blitzumfrage, 26.9.2025. https://www.dkgev.de/fileadmin/Mediapool/1_DKG/1.7_Presse/1.7.1_Pressemitteilungen/2025/2025-12_Buerokratiebelastung_im_Krankenhaus_-_Blitzumfrage.pdf
  4. Marburger Bund. MB-Monitor 2024, Zusammenfassung der Ergebnisse, Februar 2025. https://www.marburger-bund.de/sites/default/files/files/2025-02/MB-Monitor%202024_Zusammenfassung_Ergebnisse_0.pdf
  5. Shanafelt TD u. a. Mayo Clin Proc 2022;97:2248–2258. https://doi.org/10.1016/j.mayocp.2022.09.002Shanafelt TD u. a. Mayo Clin Proc 2025;100:1142–1158. https://doi.org/10.1016/j.mayocp.2024.11.031
  6. Mediavilla R u. a. Working conditions and mental health among doctors and nurses in the European Union, Iceland, and Norway. Lancet Reg Health Eur 2026;69:101809. https://doi.org/10.1016/j.lanepe.2026.101809
  7. Zimmermann C u. a. Suicide rates among physicians compared with the general population. BMJ 2024;386:e078964. https://doi.org/10.1136/bmj-2023-078964
  8. Oreskovich MR u. a. The prevalence of substance use disorders in American physicians. Am J Addict 2015;24:30–38. https://doi.org/10.1111/ajad.12173
  9. Dyrbye LN u. a. Medical Licensure Questions and Physician Reluctance to Seek Care. Mayo Clin Proc 2017;92:1486–1493. https://doi.org/10.1016/j.mayocp.2017.06.020
  10. Sinsky CA u. a. COVID-Related Stress and Work Intentions in a Sample of US Health Care Workers. Mayo Clin Proc Innov Qual Outcomes 2021;5:1165–1173. https://doi.org/10.1016/j.mayocpiqo.2021.08.007
  11. WHO, Health workforce. https://www.who.int/health-topics/health-workforceBoniol M u. a. BMJ Glob Health 2022;7:e009316. https://doi.org/10.1136/bmjgh-2022-009316
  12. Rø KE u. a. Counselling for burnout in Norwegian doctors: one year cohort study. BMJ 2008;337:a2004. https://doi.org/10.1136/bmj.a2004
  13. Asgari E u. a. A framework to assess clinical safety and hallucination rates of LLMs for medical text summarisation. npj Digit Med 2025;8:274. https://doi.org/10.1038/s41746-025-01670-7

Wenn es Ihnen nahegeht

Wenn Sie Ärztin oder Arzt sind und dieser Film Ihnen nahegeht: Sie sind nicht allein, und es gibt Menschen, die den Beruf kennen und mit denen Sie sprechen können.

Deutschland
  • Telefonseelsorge 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222, rund um die Uhr, anonym
  • die Interventionsprogramme der Landesärztekammern für suchtkranke Ärzt:innen, vertraulich, über Ihre Kammer
  • PSU Akut e. V., kollegiale Hilfe nach belastenden Ereignissen
Österreich
  • Telefonseelsorge 142
  • die Hilfsangebote der Österreichischen Ärztekammer
Schweiz
  • ReMed, das Unterstützungsnetzwerk der FMH für Ärzt:innen, 0800 0 73633
  • Die Dargebotene Hand 143

Rufnummern zuletzt geprüft am 11. September 2026. Kammern und Hilfsprogramme, die hier fehlen, schreiben uns bitte an sven@aiomics.io.

Das Team hat in Kasack gedreht, damit der Flur ein Flur blieb.
Das Team hat in Kasack gedreht, damit der Flur ein Flur blieb.

Dank

Dieser Film gehört Valerie Kirchberger, die ihre Geschichte in ihren eigenen Worten erzählt und dafür ihren Namen gibt. Wir danken Jasper Claus und dem Team von 1camera in Amsterdam, die ihr zugehört haben, bevor sie gefilmt haben. Wir danken Tamara Radakovic und Hendrik Steenfadt, die neben Valerie vor der Kamera stehen. Wir danken dem Team des Simulationszentrums eines Berliner Universitätsklinikums, das uns seine Türen geöffnet hat. Und wir danken den Ärzt:innen, die mit uns gesprochen haben und sich gegen die Kamera entschieden haben. Wir verstehen das. Der Film ist auch für sie.

Für Presse, Kammern, Verbände und Lehre

Ab dem 1. Oktober 2026 erhalten Presse, Kammern, Verbände und Programme zur Ärztegesundheit einen privaten Vorschau-Link mit Sperrfrist bis zum 8. Oktober, 8:00 Uhr. Nach der Veröffentlichung steht der Film frei zur Verfügung: zum Teilen, Einbetten, Zeigen in Versammlungen und in der Lehre. Ein Gesprächsleitfaden für Gruppen und die Pressemappe folgen zur Veröffentlichung. Dr. Valerie Kirchberger und Dr. med. Sven Jungmann stehen für Gespräche zur Verfügung.

Kontakt: sven@aiomics.io

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