
Die Geschichte

Valerie Kirchberger wollte Ärztin werden, seit sie ein Kind war. Ihre Mutter war Psychoanalytikerin und sagte ihr früh, es gebe Menschen, die nur lebten, weil sie mit ihnen arbeite. Diese Wirkung wollte sie auch.
Sie wurde Kinderärztin. Die ersten zwei Jahre auf einer Neugeborenen-Intensivstation in München waren die Arbeit, von der sie geträumt hatte: gut organisiert, viel Zeit bei den kleinsten Patient:innen, die man sich vorstellen kann, Leben retten im Notfall. Dann kam der Wechsel an eines der renommiertesten Universitätsklinika Deutschlands, und mit ihm ein anderer Beruf. Weniger als ein Zehntel ihres Tages fand bei den Patient:innen statt. Der Rest ging an das Dokumentieren, Protokollieren und Absichern jedes einzelnen Schritts, für jemanden, der die Akte später lesen würde und nie im Raum gewesen war.
Im Film beschreibt sie eine Nacht im Dienst als zwei Berufe zugleich: Kinder am Leben halten, und jeden Schritt fehlerfrei aufschreiben. Sie hat aufgehört, zwischen den Diensten zu schlafen. Erst Schlaftabletten in den schwersten Wochen, dann öfter, dann mit Wein, weil die Tabletten allein den Kopf nicht ruhig bekamen. Eines Mittags legte sie sich vor einem Nachtdienst hin, den Wecker fünf Stunden später gestellt, und wachte erbrechend auf.
„Mein Traum war immer, Ärztin zu werden. Aber in diesem Moment habe ich verstanden: Ich kann keine gute Ärztin mehr sein.“
2017 hat sie die klinische Medizin verlassen. Sie sagt, sie sei nicht gegangen, sie sei herausgefallen. Die Erschöpfung war weg, die Angst, die Tabletten. Was blieb, war Leere, denn sie hatte das eine zurückgelassen, das sie mehr wollte als alles andere: einem Menschen gegenüberzusitzen, der Hilfe braucht, und sie geben zu können.
Heute geht es ihr gut. Sie hat ein Gesundheitsunternehmen gegründet, Evela Health, und hat vier Kinder. An die Arbeit mit Patient:innen denkt sie jeden Tag.
„Zwanzig Prozent statt zehn, und es wäre der schönste Beruf der Welt gewesen. Ich wäre nie gegangen.“
Warum wir diesen Film gemacht haben

Ich bin Arzt. Ich habe die Station aus denselben Gründen verlassen wie Valerie. Ich wollte Menschen helfen und habe meine Tage damit verbracht, Faxen hinterherzulaufen und aufzuschreiben, was ich getan hatte, für jemanden, der es später mit dem Kaffeebecher in der Hand lesen würde, ohne eine Ahnung, wie diese Nacht gewesen war. Was nicht dokumentiert ist, hat nicht stattgefunden. Dieser Satz hängt über jedem Dienst.
Mit Jasper Claus wollte ich Raum für eine persönliche Geschichte schaffen. In den Gesprächen zur Vorbereitung entschieden sich manche Ärzt:innen gegen eine Mitwirkung vor der Kamera. Diese Gespräche sind unsere Erfahrung aus der Produktion; sie erlauben keine Aussage darüber, wie häufig Ärzt:innen öffentlich über Belastung sprechen.
Befragungen beschreiben erhebliche Belastungen, jeweils in einer bestimmten Gruppe und zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Quellen und ihre Grenzen stehen unten. Valerie erzählt ihre eigene Geschichte. Wir sind ihr dankbar, dass sie sie mit uns teilt.
Aiomics hat diesen Film beauftragt. Als Unternehmen entwickeln wir Software für Patienteninformationen, Aufgaben und Dokumentation in Kliniken. Wir haben damit ein wirtschaftliches Interesse an diesem Themenfeld. Der Film gibt Valeries Erfahrung Raum; die Wirkung unserer Software muss unabhängig davon im jeweiligen Arbeitsablauf untersucht werden.
Dr. med. Sven Jungmann, Arzt, Mitgründer von aiomics
Die Zahlen hinter der Geschichte
Valeries „weniger als ein Zehntel“ beschreibt ihre eigene Erfahrung. Die folgenden Erhebungen aus Europa geben Kontext. Sie untersuchen unterschiedliche Länder, Zeiträume und Gruppen und messen nicht dieselbe Erfahrung; Befragungen und begutachtete Studien sind entsprechend gekennzeichnet.
Wo der Tag bleibt
Assistenzärzt:innen der Inneren Medizin an einem Schweizer Universitätsspital verbrachten 1,7 Stunden am Tag bei Patient:innen und 5,2 Stunden am Rechner.
Zeitstudie mit direkter Beobachtung in Tag- und Spätdiensten.
Wer an den Ausstieg denkt
28 von 100 angestellten Ärzt:innen in Deutschland erwägen, die Patientenversorgung ganz aufzugeben.
Mitgliederbefragung des Marburger Bundes mit 9.649 Befragten, September und Oktober 2024. Erfragt wurde die Absicht; Berufsaustritte wurden nicht erhoben.
28 von 100erwägen den Ausstieg
Was die Arbeit kostet
Eine von drei befragten Ärzt:innen und Pflegekräften in der EU, Island und Norwegen berichtet Symptome von Depression oder Angst.
Selbstauskunft von 90.171 Befragten, Oktober 2024 bis April 2025; Symptome in einer Befragung sind keine Diagnose. In derselben Befragung erleben drei von vier Ärzt:innen ihre Arbeit als sinnvoll.
1 von 3berichtet Symptome von Depression oder Angst
Wer fehlen wird
In 13 von 44 Ländern der WHO-Region Europa, die dazu Daten gemeldet haben, sind bereits 40 Prozent der Ärzt:innen 55 Jahre oder älter.
Ein Feld je Land. Die WHO-Region Europa reicht bis Zentralasien.
13 von 44Länder, in denen 40 Prozent der Ärzt:innen 55 oder älter sind
Wenn es Ihnen nahegeht
Wenn Sie Ärztin oder Arzt sind und dieser Film Ihnen nahegeht: Sie sind nicht allein, und es gibt Menschen, die den Beruf kennen und mit denen Sie sprechen können.
- Deutschland
- Telefonseelsorge 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222, rund um die Uhr, anonym
- Interventionsprogramme der Landesärztekammern für suchtkranke Ärzt:innen, vertraulich, über Ihre Kammer
- PSU Akut e. V., kollegiale Hilfe nach belastenden Ereignissen
- Österreich
- Telefonseelsorge 142
- Hilfsangebote der Österreichischen Ärztekammer
- Schweiz
- ReMed, das Unterstützungsnetzwerk der FMH für Ärzt:innen, 0800 0 73633
- Die Dargebotene Hand 143
Rufnummern zuletzt geprüft am 11. September 2026. Fehlt hier Ihre Kammer oder ein Hilfsprogramm, schreiben Sie uns bitte an sven@aiomics.io.
Was ab 2027 hinzukommt
Ab Januar 2027 dürfen Krankenkassen bis zu 40 Prozent der Rechnungen eines Krankenhauses durch den Medizinischen Dienst prüfen lassen; die bisherige Höchststufe liegt bei 15 Prozent. Welche Stufe gilt, hängt vom Anteil der geprüften Rechnungen ab, die ohne Beanstandung blieben. Liegt der Anteil unter 50 Prozent, sind auch Prüfungen über die Quote hinaus möglich.
Der Gesetzentwurf der Bundesregierung rechnet für die neuen Prüfquoten, zusammen mit zwei weiteren Änderungen an der Abrechnungsprüfung, mit Minderausgaben der Krankenkassen von rund 1,6 Milliarden Euro im Jahr. In den Tabellen, mit denen der Entwurf den Erfüllungsaufwand der Betroffenen beziffert, kommt die Änderung der Prüfquoten nicht vor. Der Gesundheitsausschuss hob die Quoten danach auf 20 und 40 Prozent an; auch seine Beschlussempfehlung nennt als zusätzlichen jährlichen Erfüllungsaufwand des Gesetzes für die gesamte Wirtschaft rund 160.000 Euro.
Wohin die Stunden gehen
Die neuen Prüfquoten binden ab 2027 nach unserer Schätzung rund 3,6 Millionen Arbeitsstunden im Jahr zusätzlich, rund 650.000 davon ärztlich.
3,6 Mio. Std. im Jahr
- Ärzt:innen im Krankenhaus650.000 Std.
- Weitere Beschäftigte im Krankenhaus1.300.000 Std.
- Medizinischer Dienst975.000 Std.
- Krankenkassen650.000 Std.
Die ärztlichen Stunden entsprechen rechnerisch rund 400 Vollzeitstellen. Planungswert für ein volles Jahr mit 1,3 Millionen zusätzlichen Prüfungen; bewertet rund 260 Millionen Euro, Spanne 150–740 Millionen Euro.
Die Schätzung stammt aus unserem Prüfquoten-Atlas, der Methodik, Annahmen und Daten offenlegt.
Dank
Dieser Film gehört Valerie Kirchberger, die ihre Geschichte in ihren eigenen Worten erzählt und dafür ihren Namen gibt. Wir danken Jasper Claus und dem Team von 1camera in Amsterdam, die ihr zugehört haben, bevor sie gefilmt haben. Wir danken Tamara Radakovic und Hendrik Steenfadt, die neben Valerie vor der Kamera stehen. Wir danken dem Team des Simulationszentrums eines Berliner Universitätsklinikums, das uns seine Türen geöffnet hat. Und wir danken den Ärzt:innen, die mit uns gesprochen haben und sich gegen die Kamera entschieden haben. Wir verstehen das. Der Film ist auch für sie.
Für Presse, Kammern, Verbände und Lehre
Rechte für Ausschnitte, Einbettung, Vorführungen oder Lehre bestätigen wir schriftlich für die jeweilige Nutzung. Für Gesprächsanfragen und Pressematerial wenden Sie sich bitte an Sven Jungmann. Gespräche mit Valerie Kirchberger stimmen wir gesondert mit ihr ab.
Kontakt: sven@aiomics.io
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Quellen
- Wenger N u. a. Allocation of Internal Medicine Resident Time in a Swiss Hospital. Ann Intern Med 2017;166:579–586. doi.org
- Marburger Bund. MB-Monitor 2024, Zusammenfassung der Ergebnisse, Februar 2025. marburger-bund.de
- WHO-Regionalbüro für Europa. Healing hands, hurting minds: MeND-Befragung von Ärzt:innen und Pflegekräften. Pressemitteilung vom 10. Oktober 2025. who.int
- WHO-Regionalbüro für Europa. Health and care workforce in Europe: time to act. Kopenhagen 2022. who.intPressemitteilung vom 14. September 2022. who.int
- Deutscher Bundestag. Entwurf eines Gesetzes zur Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung, Drucksache 21/6130, 2026, S. 8 und 71. dserver.bundestag.deBeschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Gesundheit, Drucksache 21/7016, S. 8. dserver.bundestag.de
- aiomics. Prüfquoten-Atlas 2027, Kostenmodell mit Methodik und Daten, Stand 5. Oktober 2026. aiomics.io