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Der gute Arztbrief: eine kleine Stilkunde

Hausärzt:innen lesen drei bis zehn Arztbriefe am Tag — und finden oft nicht, was sie brauchen. Was den Brief für die Empfängerseite nützlich macht, ist lehrbar. Eine Stilkunde.

Dr. Sven Jungmann

Dr. Sven Jungmann

CEO

Schreibtisch einer Hausärztin mit Lesebrille, Kaffeetasse und einem Arztbrief, der mit beiden Händen gehalten wird

Montag, 12:50 Uhr, eine Hausarztpraxis. Zwischen der letzten Patientin des Vormittags und der Hausbesuchsrunde liegen zwanzig Minuten und ein Stapel Post. Obenauf der Entlassbrief einer internistischen Abteilung, vier Seiten. Die Hausärztin sucht eine einzige Information: warum die Klinik das Apixaban abgesetzt hat. Sie findet die neue Medikationsliste, in der das Präparat fehlt. Eine Begründung findet sie nicht. Am Nachmittag ruft sie auf der Station an; der Kollege, der den Fall kennt, hat frei.

Für Chefärzt:innen liegt dieser Moment außerhalb des Sichtfelds — und er betrifft sie unmittelbar. Der Arztbrief ist das Dokument, mit dem eine Abteilung bei denen auftritt, die ihr Patient:innen zuweisen und weiterbetreuen. Er wird öfter außerhalb des Hauses gelesen als innerhalb. Man kann ihn als lästige Pflicht am Ende des Falls behandeln oder als Handwerk mit eigenem Anspruch. Dieser Text handelt vom Handwerk.

Wie Briefe bei denen ankommen, die sie lesen

Die gründlichste deutsche Untersuchung dazu stammt von Sprachwissenschaftlern: 2019 befragten Bechmann und Riedel von der Universität Düsseldorf 197 Hausärzt:innen zu den Briefen, die in ihren Praxen landen [1]. 99 Prozent gaben an, schon fehlerhafte Arztbriefe erhalten zu haben; 98,5 Prozent verstehen Briefe nach eigener Auskunft manchmal nicht auf Anhieb; 88 Prozent halten unverständliche oder fehlerhafte Briefe für eine mögliche Quelle von Behandlungsfehlern. Die Zahlen wollen richtig gelesen werden: Es ist ein Studienbericht ohne Peer-Review, die Stichprobe klein und selbstselektiert, alle Angaben Selbstauskunft. Eine Fehlerquote von Arztbriefen lässt sich daraus nicht ableiten — wohl aber, wie die Empfängerseite diese Textsorte erlebt.

Aufschlussreicher als die Schlagzeilenzahlen ist die Kritikliste der Befragten: uneinheitliche Gliederung, vage Formulierungen, Fehler in der Medikation, fehlende Begründungen für Therapie- und Medikationsentscheidungen, Irrelevantes ohne Einordnung. Dazu ein Mengenproblem: Die Befragten lesen nach eigener Angabe drei bis zehn Briefe am Tag, manche investieren bis zu einer Stunde Lesezeit täglich [1].

International ist der Befund älter und stabiler. Ein systematisches Review im JAMA zeigte 2007: Direkte Kommunikation zwischen Klinik und Hausarztpraxis ist selten, Entlassbriefe sind häufig beim ersten Wiedervorstellungstermin noch nicht verfügbar und lassen Informationen vermissen, die für die Weiterbehandlung gebraucht werden [2]. Fragt man Hausärzt:innen, was ein guter Brief enthalten soll, wird die Liste bemerkenswert konkret. Eine US-Interviewstudie von 2023 nennt: umsetzbare Aufgabenlisten, markierte Zufallsbefunde, Medikationsänderungen mit Begründung, die geplante Dauer neu angesetzter Therapien — und ausdrücklich keine Briefe, die jedes Detail des Aufenthalts wiedergeben [3]. Schon 1998 bevorzugten kanadische Hausärzt:innen strukturierte Briefe deutlich gegenüber narrativen [4].

Fünf Merkmale des guten Briefs

Der erste Absatz gehört der Leserin. Warum war die Patientin da, was wurde entschieden, was ändert sich für die Praxis — wer das in den ersten Sätzen beantwortet, hat den wichtigsten Teil geleistet. Die Chronologie des Aufenthalts darf folgen; sie ist Beleg, kein Hauptteil.

Jede Medikationsänderung trägt ihre Begründung. „Apixaban abgesetzt nach unterer gastrointestinaler Blutung am 12.07., Reevaluation der Antikoagulation in vier Wochen empfohlen“ — ein Satz dieser Art erspart der Weiterbehandelnden einen Anruf und der Patientin unter Umständen mehr. Die fehlende Begründung von Medikationsentscheidungen gehört in beiden zitierten Befragungen zu den meistgenannten Mängeln [1,3].

Offene Punkte sind Aufgaben. Der Zufallsbefund — etwa der 4-mm-Lungenrundherd mit empfohlener Verlaufskontrolle in zwölf Monaten — gehört an eine markierte Stelle, mit Zuständigkeit und Zeithorizont. In Zeile 14 eines Befundabsatzes geht er unter, und mit ihm die Kontrolle.

Abkürzungen sind Innenarchitektur. 34 Prozent der Düsseldorfer Befragten begegnen unbekannten Abkürzungen häufig oder sehr häufig [1]. Was auf Station jeder versteht, ist außerhalb des Hauses Rätselprosa. Der Brief verlässt das Haus; seine Kürzel sollten es nur verlassen, wenn sie draußen etwas bedeuten.

Kürze ist eine Leistung. Der Brief, der alles enthält, ist heute schneller erzeugt denn je. Der Brief, der auswählt und gewichtet, verlangt ein Urteil darüber, was die Empfängerin braucht — genau darin liegt seine Qualität.

Stil als Haltung

Diese fünf Merkmale haben einen gemeinsamen Nenner: Sie behandeln den Brief als kollegiale Übergabe an die Ärztin, die die Patientin womöglich die nächsten zehn Jahre betreut. Wer so schreibt, schreibt anders — und wer so redigiert, bildet aus. Die Korrektur eines Assistenzbriefs ist einer der wenigen Momente, in denen klinisches Denken, Sprache und Verantwortung in einem einzigen Dokument zusammenkommen. Abteilungen, die Briefkultur pflegen, merken das zuerst an den Rückfragen, die ausbleiben, und dann an dem Ruf, den ihre Briefe bei den Zuweisenden haben.

Werkzeuge verschieben die Ökonomie des Briefeschreibens gerade erheblich — was kontextualisierte Generierung von Textbausteinen unterscheidet, haben wir in Arztbrief: Textbausteine vs. kontextualisierte Generierung beschrieben, und was zwischen Entwurf und Unterschrift passieren muss, in Arztbrief mit KI: die verteidigungsfähige Pipeline. Am Stil ändern schnellere Entwürfe zunächst wenig: Ein Text kann in dreißig Sekunden entstehen und trotzdem an der Leserin vorbeischreiben. Bei aiomics ist deshalb ein Stilprofil geplant, das die Briefstimme eines Hauses aus der Redigierhistorie lernt und als lesbaren, editierbaren deutschen Text speichert — geplant, noch nicht ausgeliefert.

Fünf Fragen an die Briefe Ihrer Abteilung

  1. Beantwortet der erste Absatz, was die Weiterbehandelnde wissen muss — Anlass, Entscheidung, Konsequenz?
  2. Hat jede Medikationsänderung eine Begründung und, wo sinnvoll, eine geplante Dauer?
  3. Stehen Zufallsbefunde und offene Punkte als Aufgaben da, mit Zuständigkeit und Zeithorizont?
  4. Versteht eine Leserin außerhalb des Hauses jede Abkürzung?
  5. Wie viel des Briefs braucht die Empfängerin tatsächlich — und wie viel davon steht auf der ersten Seite?

Ein Nachmittag mit zehn zufällig gezogenen Briefen der eigenen Abteilung und diesen fünf Fragen ist eine der günstigsten Qualitätsmaßnahmen, die es gibt. Wenn Sie Dokumentation als Handwerk interessiert: In Visite, unserem Brief zu Dokumentation und KI im deutschen Gesundheitswesen, schreiben wir regelmäßig darüber.

Quellen

  1. Bechmann S, Riedel J. Arztbriefe: Epikrise in der Krise? Studienbericht. Düsseldorf: Heinrich-Heine-Universität; 2019. https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-53751/Studie_DE-EN_Bechmann_pdf:a.pdf
  2. Kripalani S, LeFevre F, Phillips CO, Williams MV, Basaviah P, Baker DW. Deficits in communication and information transfer between hospital-based and primary care physicians: implications for patient safety and continuity of care. JAMA. 2007;297(8):831–841. doi:10.1001/jama.297.8.831.
  3. Primary care physicians' perspectives on high-quality discharge summaries. Journal of General Internal Medicine. 2023. doi:10.1007/s11606-023-08541-5
  4. Standardized or narrative discharge summaries: which do family physicians prefer? Canadian Family Physician. 1998. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9481464/
#Arztbrief#Entlassbrief#Arztbrief schreiben#Hausärzte#Dokumentationsqualität

Das erwähnte Stilprofil von aiomics ist geplant und nicht Teil des heute ausgelieferten Produkts.

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Diese Analyse stammt von den Leuten hinter Visite.

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