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Wenn die Bewerberin die Fragen stellt: Was junge Ärzt:innen von der Dokumentation erwarten

92,4 Prozent der jungen Ärzt:innen erleben Technikprobleme als Alltag, 69,6 Prozent dokumentieren doppelt. Warum die Dokumentationsumgebung über Weiterbildungsstellen mitentscheidet — und was Abteilungen ändern können.

Dr. Sven Jungmann

Dr. Sven Jungmann

CEO

Editoriale Collage: junge Ärztin mit Tablet vor einem Klinikgebäude, daneben ein hoher Stapel Papierakten

Donnerstag, 16:15 Uhr, das Büro des Chefarztes. Die Bewerberin um die Weiterbildungsstelle hat gute Noten, ein Wahltertial in der Schweiz und drei Fragen mitgebracht. Die erste: „Wie viele Programme brauche ich bei Ihnen, um eine Patientin aufzunehmen?“ Die zweite: „Diktieren Sie noch auf Band, oder schreiben die Assistent:innen selbst?“ Die dritte: „Kann man Briefe auch von zu Hause fertigstellen?“

Der Chefarzt hatte Fragen zur Famulatur vorbereitet, zur Motivation, zur Belastbarkeit. Die Gegenfragen bringen ihn kurz aus dem Konzept, denn auf zwei von dreien fällt ihm keine gute Antwort ein. Jetzt bemerkt er, dass in diesem Gespräch zwei Seiten prüfen — und dass die Gegenseite sich besser vorbereitet hat.

Die Zahlen hinter den drei Fragen

Die Fragen der Bewerberin haben eine empirische Grundlage. Der Hartmannbund hat 2024 insgesamt 487 junge Ärzt:innen befragt — eine Verbandsumfrage mit Selbstauskünften und selbst gewählter Teilnahme, also ein Stimmungsbild, keine Vollerhebung [1]. Das Bild ist dennoch deutlich:

  • 92,4 Prozent geben an, dass technische Probleme zu ihrem Arbeitsalltag gehören; rund ein Fünftel erlebt sie mehrmals täglich.
  • 69,6 Prozent erleben Doppeldokumentation beim eigenen Arbeitgeber.
  • 53,4 Prozent arbeiten ohne vollständig digitalisierte Patientenakte.
  • 94,7 Prozent haben einen PC-Arbeitsplatz, 49,7 Prozent ein Diensthandy — aber nur 10,1 Prozent ein Tablet.
  • 9,7 Prozent arbeiten mit KI-Werkzeugen; von diesen hatte weniger als die Hälfte eine Schulung.

In den Freitextantworten wird es anschaulich: Anmeldezeiten von zehn Minuten am Stationsrechner, Narkoseprotokolle auf DIN-A3-Papier, fünf parallel geöffnete Programme — und der Wunsch, dass KI beim Arztbrief hilft [1].

Warum das eine Rekrutierungsfrage ist

Dieselbe Umfrage zeigt, was auf dem Spiel steht: 55,2 Prozent der jungen Ärzt:innen berichten unbesetzte ärztliche Stellen beim eigenen Arbeitgeber, am häufigsten fehlen dabei Ärzt:innen in Weiterbildung [1]. 36,3 Prozent aller Befragten haben wegen unzufriedenstellender Arbeitsbedingungen schon erwogen, den Beruf zu wechseln oder nicht mehr ärztlich tätig zu sein [1]. Nach der Lesart des Hartmannbundes kann sich zudem nur etwa ein Viertel derzeit vorstellen, nach dem Facharzt in der Klinik weiterzuarbeiten [2].

Der MB-Monitor 2024 des Marburger Bundes — mit 9.649 Befragten deutlich größer, ebenfalls eine Mitgliederbefragung mit Selbstauskünften — ergänzt das Bild: 28 Prozent der angestellten Ärzt:innen denken ernsthaft über den Ausstieg aus der kurativen Medizin nach, 2022 waren es 25 Prozent; 65 Prozent sind mit der IT-Ausstattung ihres Hauses unzufrieden, und im Schnitt gehen drei Stunden des Arbeitstags an Verwaltung und Dokumentation [3].

Die Hartmannbund-Pressefassung ergänzt Arbeitsbedingungen jenseits der IT: 70 Prozent der jungen Befragten geben an, gesetzliche Pausenzeiten nicht einhalten zu können; bei über 40 Prozent ist die Erfassung von Überstunden gar nicht oder nur eingeschränkt möglich [2]. Wer Weiterbildungsstellen besetzen will, konkurriert damit auch über den Zuschnitt des Arbeitstags — und der besteht zu einem erheblichen Teil aus Dokumentationszeit.

Man kann diese Befunde als Generationenkritik lesen: anspruchsvoll, wechselwillig, verwöhnt von Software, die einfach funktioniert. Man kann sie auch nüchterner lesen: Diese Generation hat als erste einen Vergleichsmaßstab. Der Maßstab ist dabei selten die Nachbarklinik; es sind die Werkzeuge, mit denen diese Jahrgänge studiert, gelernt und ihr Leben organisiert haben. Wer so durchs Studium gekommen ist, erkennt eine Zumutung, wenn er sie sieht — und hat angesichts der Vakanzzahlen die Wahl, wo er arbeitet.

Was eine Abteilung ändern kann

Vieles an der IT-Landschaft entscheidet das Haus: das KIS, die Netze, die Budgets. Manches entscheidet die Abteilung selbst:

  • Doppeldokumentation kartieren. Eine Assistenzärztin eine Woche lang notieren lassen, welche Angaben sie mehrfach eingibt, und die zwei ärgerlichsten Strecken zuerst abstellen. Das kostet Prozessarbeit und kaum Budget.
  • Den echten Arbeitsplatz zeigen. Der Rundgang beim Vorstellungsgespräch, inklusive Stationsrechner, ist ein Ehrlichkeitstest. Wer die Anmeldeprozedur versteckt, verliert die neue Kollegin in der ersten Dienstwoche — dann teurer.
  • Junge Ärzt:innen an Auswahlentscheidungen beteiligen. Wer die Systeme am häufigsten bedient, sieht Schwächen, die in keiner Anbieterpräsentation vorkommen.
  • Schulung fest einplanen. Dass weniger als die Hälfte der KI-Nutzenden eine Schulung hatte, ist ein vermeidbarer Fehler; ein Werkzeug ist so gut wie seine Einführung.
  • Remote-Strecken prüfen. Briefe von zu Hause fertigzustellen ist ein konkret geäußerter Wunsch der Befragten; wo Datenschutz und Technik es tragen, ist das ein günstiges Bindungsinstrument.
  • Erfolge sichtbar machen. Wenn eine Doppelstrecke verschwindet, gehört das in die Abteilungsbesprechung. Nachwuchs bleibt dort, wo Verbesserungen erlebbar sind.

Fünf Fragen, auf die Sie eine Antwort haben sollten

Die Umfragezahlen lassen sich in Gesprächsvorbereitung übersetzen. Wer heute Bewerbungsgespräche führt, sollte damit rechnen, dass die Gegenseite die Werkzeuge des Hauses recherchiert und ehemalige PJler:innen gefragt hat. Beim nächsten Vorstellungsgespräch könnten die Fragen so lauten:

  1. Wie viele Systeme braucht eine Aufnahme, und wie viele davon fragen dasselbe ab?
  2. Wie lange dauert morgens die Anmeldung am Stationsrechner?
  3. Womit und wo werden Arztbriefe geschrieben?
  4. Welche Geräte stellt die Abteilung — gibt es mehr als den PC im Stützpunkt?
  5. Wer schult neue Kolleg:innen an den Werkzeugen, und wann?

Auf jede dieser Fragen eine gute Antwort zu haben, ist unrealistisch. Eine ehrliche reicht oft: Junge Ärzt:innen verzeihen unfertige Systeme eher als geschönte Beschreibungen, und ein glaubwürdiger Plan für die nächsten zwei Jahre wiegt mehr als ein poliertes Heute.

Die gute Nachricht steht in denselben Umfragen: Diese Generation will Medizin machen. Ihre Erwartungen richten sich auf Arbeitsfähigkeit — auf Werkzeuge, die den Weg zwischen Patientenbett und Akte kurz halten. Abteilungen, die das ernst nehmen, gewinnen ein Rekrutierungsargument, das sich mit Geld allein nicht kaufen lässt. Was Fluktuation kostet, wenn es misslingt, haben wir an anderer Stelle durchgerechnet: Fluktuation als Abteilungsökonomie. Und wie eine Abteilung ihre eigene Zeitverteilung ehrlich erhebt, bevor sie investiert: Arztzeit messen.

Wenn Sie verfolgen möchten, wie sich Dokumentation, IT und Nachwuchsgewinnung in deutschen Kliniken entwickeln: Visite, unser wöchentlicher Brief — kurz, belegt, kostenlos.

Quellen

  1. Hartmannbund. Ergebnisse der Umfrage 2024 unter der jungen Ärzteschaft (n=487). August 2024. https://www.hartmannbund.de/wp-content/uploads/2024/08/2024-08-19_Ergebnisse_Umfrage-2024_junge_Aerzteschaft.pdf
  2. Hartmannbund. Assistenzärzt:innen-Umfrage 2024: „Wir brauchen Veränderungen – jetzt!“ (Pressefassung). https://www.hartmannbund.de/berufspolitik/umfragen/weiterbildung/assistenzaerztinnen-umfrage-2024-wir-brauchen-veraenderungen-jetzt/
  3. Marburger Bund. MB-Monitor 2024: Hohe Belastung, unzureichende Rahmenbedingungen. https://www.marburger-bund.de/bundesverband/themen/marburger-bund-umfragen/mb-monitor-2024-hohe-belastung-unzureichende
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Diese Analyse stammt von den Leuten hinter Visite.

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