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SkalaNeurologie · Notfallmedizin · Intensivmedizin

NIH Stroke Scale (NIHSS)

Neurologisches Defizit beim akuten Schlaganfall

Die NIH Stroke Scale beziffert das neurologische Defizit beim akuten Schlaganfall in 15 Items, von der Bewusstseinslage über Blickmotorik, Gesichtsfeld und Motorik bis zu Sprache, Sprechen und Neglect. Brott und Kolleg:innen haben sie 1989 für Therapiestudien zum akuten Hirninfarkt vorgestellt; heute dient sie in Studien und Klinik zur Einschätzung des Schweregrads und für Verlaufsuntersuchungen.

Zu Lehr- und Informationszwecken. Kein Medizinprodukt, nicht zur Anwendung an Patient:innen bestimmt.

Diese Seiten erklären veröffentlichte klinische Scores und Formeln: Kriterien, Rechenweg, Einordnung durch die Originalquelle und Grenzen. Sie sind kein Medizinprodukt und nicht dafür bestimmt, Diagnosen zu stellen, Therapien auszuwählen oder Entscheidungen über einzelne Patient:innen zu treffen. Ergebnisse beschreiben Beobachtungen aus Studienkohorten. Die Inhalte wurden mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt und können Fehler enthalten.

Zweckbestimmung, Prüfstand und Haftung →

Anwendungsbereich laut Quelle

Untersuchte Gruppe Patient:innen mit akutem Schlaganfall in Therapiestudien; Brott und Kolleg:innen prüften die Skala 1989 an 24 Patient:innen auf Zuverlässigkeit und an 65 auf Validität.

Ausgeschlossen oder nicht übertragbar
  • Kinder und Jugendliche; für sie gibt es eine pädiatrische Fassung (PedNIHSS)
  • Infarkte im hinteren Stromgebiet, deren Ausfälle die Skala nur teilweise erfasst
Übungsfall: Rechtsseitige Schwäche in der Notaufnahme

Fiktiver Lehrfall

Ein 74-jähriger Mann wird 70 Minuten nach Beginn einer rechtsseitigen Schwäche gebracht. Er ist wach, nennt den Monat richtig, sein Alter falsch und befolgt beide Aufforderungen. Der Blick weicht nach links ab, lässt sich aber willkürlich über die Mitte bewegen. Die Gesichtsfelder sind unauffällig, die rechte untere Gesichtshälfte ist nahezu gelähmt. Der rechte Arm erreicht 45 Grad nicht und sinkt mit etwas Kraft gegen die Schwerkraft auf das Bett; das rechte Bein sinkt innerhalb von 5 Sekunden ab, ohne das Bett zu berühren. Die linke Seite ist unauffällig, eine Ataxie über das Maß der Parese hinaus besteht nicht. Den Nadelstich empfindet er rechts stumpfer. Er spricht stockend mit Wortfindungsstörungen, die Bildinhalte lassen sich aus seinen Antworten erkennen. Die Aussprache ist leicht verwaschen, Hinweise auf Auslöschung oder Nichtbeachtung gibt es nicht.

Füllen Sie das Formular zuerst selbst aus. Danach können Sie Ihre Lösung mit der Musterlösung vergleichen.

Kriterien

1a Bewusstseinslage

Auch wenn Tubus, Sprachbarriere oder Verletzungen und Verbände im Mund-Rachen-Bereich die Prüfung erschweren, wird eine Stufe gewählt. 3 Punkte nur, wenn auf Schmerzreiz keine Bewegung außer reflektorischen Haltungsmustern erfolgt.

1b Orientierungsfragen

Gefragt wird nach Monat und Alter. Nur exakt richtige Antworten zählen, gewertet wird die anfängliche Antwort ohne Hilfestellung. Wer die Fragen wegen Aphasie oder Stupor nicht versteht, erhält 2 Punkte; wer wegen Intubation, Verletzungen im Mund-Rachen-Bereich, schwerer Dysarthrie, Sprachbarriere oder eines anderen nicht aphasischen Problems nicht sprechen kann, 1 Punkt.

1c Befolgen von Aufforderungen

Augen öffnen und schließen, dann die nicht paretische Hand schließen und öffnen; sind die Hände nicht einsetzbar, gilt eine andere einschrittige Aufforderung. Ein eindeutiger, wegen Schwäche unvollendeter Versuch zählt. Ohne Reaktion wird die Aufgabe pantomimisch vorgemacht. Gewertet wird nur der anfängliche Versuch.

2 Blickbewegungen

Nur horizontale Blickbewegungen, willkürlich oder okulozephal, ohne kalorische Prüfung. Eine konjugierte Deviation, die sich willkürlich oder reflektorisch überwinden lässt, und eine isolierte periphere Augenmuskelparese (Hirnnerv III, IV oder VI) ergeben 1 Punkt. Bei Aphasie ist der Blick prüfbar; bei Augenverletzung, Verband oder vorbestehender Blindheit wird reflektorisch geprüft.

3 Gesichtsfeld

Obere und untere Quadranten in der Konfrontationsprüfung mit Fingerzählen oder Drohreflex. Bei einseitiger Blindheit oder Enukleation wird das verbliebene Auge bewertet. 1 Punkt nur bei eindeutiger Asymmetrie einschließlich Quadrantenanopsie; Blindheit gleich welcher Ursache ergibt 3 Punkte. Die hier geprüfte beidseitige Simultanstimulation fließt in Item 11 ein.

4 Fazialisparese

Zähne zeigen, Augenbrauen heben und Augen schließen lassen, bei Bedarf pantomimisch vorgemacht. Bei eingeschränkter Reaktion oder fehlendem Verständnis wird die Symmetrie des Grimassierens auf Schmerzreiz beurteilt. Tubus, Pflaster oder Verbände werden, soweit möglich, entfernt.

5a Motorik linker Arm

Arm mit nach unten gerichteter Handfläche im Sitzen auf 90 Grad, im Liegen auf 45 Grad halten, 10 Sekunden. Begonnen wird mit dem nicht paretischen Arm; bei Aphasie wird mit Stimme und Gesten ermutigt, ohne Schmerzreiz. „Nicht testbar“ (UN) nur bei Amputation oder Gelenkversteifung der Schulter, mit schriftlicher Begründung; im Rechner 0 Punkte.

5b Motorik rechter Arm

Prüfung wie bei 5a. „Nicht testbar“ (UN) nur bei Amputation oder Gelenkversteifung der Schulter, mit schriftlicher Begründung; im Rechner 0 Punkte.

6a Motorik linkes Bein

Bein in Rückenlage auf 30 Grad halten, 5 Sekunden. Begonnen wird mit dem nicht paretischen Bein; bei Aphasie wird mit Stimme und Gesten ermutigt, ohne Schmerzreiz. „Nicht testbar“ (UN) nur bei Amputation oder Gelenkversteifung der Hüfte, mit schriftlicher Begründung; im Rechner 0 Punkte.

6b Motorik rechtes Bein

Prüfung wie bei 6a. „Nicht testbar“ (UN) nur bei Amputation oder Gelenkversteifung der Hüfte, mit schriftlicher Begründung; im Rechner 0 Punkte.

7 Extremitätenataxie

Finger-Nase-Finger- und Knie-Hacke-Versuch beidseits mit offenen Augen, um eine einseitige Kleinhirnläsion zu erfassen. Gewertet wird eine Ataxie nur, wenn sie über das Maß einer Parese hinausgeht; bei fehlendem Verständnis oder Lähmung gilt sie als nicht vorhanden. „Nicht testbar“ (UN) nur bei Amputation oder Gelenkversteifung, mit schriftlicher Begründung; im Rechner 0 Punkte.

8 Sensibilität

Nadelstich, bei Bewusstseinsminderung oder Aphasie Grimassieren oder Abwehr auf Schmerzreiz. Nur schlaganfallbedingte Ausfälle zählen. 2 Punkte nur bei eindeutig nachgewiesenem schwerem Ausfall; bei Stupor oder Aphasie ergeben sich daher meist 0 oder 1 Punkt. Bilateraler Ausfall bei Hirnstamminfarkt, fehlende Reaktion bei Tetraplegie und Koma (1a = 3) ergeben 2 Punkte.

9 Sprache

Bildbeschreibung, Benennen und Vorlesen nach den Vorlagen des Bogens; das Verständnis fließt aus der gesamten Untersuchung ein. Bei Sehstörung werden Gegenstände in die Hand gegeben; intubierte Patient:innen schreiben. Koma (1a = 3) ergibt automatisch 3 Punkte, sonst nur Mutismus ohne Befolgen einfacher Aufforderungen.

10 Dysarthrie

Wörter der Vorlage lesen oder nachsprechen lassen; bei schwerer Aphasie wird die Artikulation der Spontansprache beurteilt. „Nicht testbar“ (UN) nur bei Intubation oder anderem körperlichen Hindernis, mit schriftlicher Begründung; im Rechner 0 Punkte.

11 Auslöschung und Nichtbeachtung (Neglect)

Die vorangehenden Items liefern meist genug Hinweise. Bei schwerer Sehstörung mit unauffälliger taktiler Prüfung und bei Aphasie mit erkennbarer Beachtung beider Seiten gilt der Befund als normal. Visuell-räumlicher Neglect oder Anosognosie zählen als auffällig. Gewertet wird nur ein vorhandener Befund, daher sieht der Bogen hier keine Kodierung „nicht testbar“ vor.

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Einordnung der Ergebnisse

  1. 0–6 Punkte

    Geringes neurologisches Defizit

    In der TOAST-Studie mit 1.281 Patient:innen mit ischämischem Schlaganfall ging ein Ausgangswert bis 6 mit einer guten Erholung einher.

  2. 7–10 Punkte

    Mittleres neurologisches Defizit

    In der TOAST-Studie hatten 46 % der Patient:innen mit einem Ausgangswert von 7 bis 10 nach drei Monaten ein exzellentes Ergebnis.

  3. 11–15 Punkte

    Deutliches neurologisches Defizit

    In der TOAST-Studie hatten 23 % der Patient:innen mit einem Ausgangswert von 11 bis 15 nach drei Monaten ein exzellentes Ergebnis.

  4. 16–42 Punkte

    Schweres neurologisches Defizit

    In der TOAST-Studie ging ein Ausgangswert ab 16 mit einer hohen Wahrscheinlichkeit für Tod oder schwere Behinderung einher.

Einordnung nach TOAST 1999 [3]. Die Werte beschreiben Gruppen aus Studienkohorten, keine Vorhersage für eine einzelne Person.

Hintergrund

NIHSS steht für National Institutes of Health Stroke Scale; die Entwicklung wurde vom US-amerikanischen Neurologie-Institut NINDS gefördert. Die 15 Items ergeben zusammen 0 bis 42 Punkte, höhere Werte bedeuten ein ausgeprägteres Defizit. Die Fassung von 1989 enthielt noch Items wie die Pupillenreaktion, die im heutigen Untersuchungsbogen fehlen.

Der Bogen gibt feste Regeln vor: Die Items werden in der vorgegebenen Reihenfolge erhoben, gewertet wird das tatsächlich beobachtete Verhalten, und vergebene Werte werden nachträglich nicht geändert. Die Antwortoptionen hier sind gekürzte Übersetzungen des NINDS-Bogens in der Fassung von März 2025; für die Erhebung gelten dessen Wortlaut und Bildvorlagen.

Die Kodierung „nicht testbar“ (UN) sieht der Bogen nur bei Motorik und Ataxie (Amputation oder Gelenkversteifung) sowie bei der Dysarthrie (Intubation oder anderes körperliches Hindernis) vor; der Grund wird schriftlich festgehalten, im Rechner zählt die Angabe 0 Punkte. Für die übrigen Items legt der Bogen Ersatzregeln fest, etwa für die Orientierungsfragen bei Intubation oder für Sensibilität und Sprache bei Koma.

In der TOAST-Studie sank die Wahrscheinlichkeit eines exzellenten Ergebnisses pro zusätzlichem Punkt im Ausgangswert um 24 % nach sieben Tagen und um 17 % nach drei Monaten. Als exzellent galten ein Wert von 1 auf der Glasgow Outcome Scale und ein Barthel-Index von 19 oder 20 in der 20-Punkte-Fassung. Die Erhebung dauert nach einer Übersichtsarbeit etwa sechs Minuten; für Verlaufsmessungen wurde eine Änderung um mehr als 2 Punkte als klinisch relevant vorgeschlagen.

Grenzen

  • Gangataxie, Schwindel oder Schluckstörungen erfasst die Skala nicht, Hirnnervenausfälle nur teilweise. Ein Wert von 0 ist trotz nachgewiesenem Hirninfarkt möglich, besonders im hinteren Stromgebiet.
  • Sprachbezogene Items tragen bis zu 7 Punkte bei, Neglect bis zu 2. Bei gleichem Wert waren rechtshemisphärische Infarkte im Placeboarm der NINDS-rt-PA-Studie im Median etwa doppelt so groß wie linkshemisphärische.
  • Fazialisparese und Ataxie zeigten in der Schulungsstudie von 1994 nur eine geringe Übereinstimmung zwischen Untersuchenden (κ unter 0,40).
  • Als Maß der neurologischen Schädigung sagt die Skala wenig darüber aus, wie sich ein Defizit im Alltag auswirkt; dafür werden Funktionsskalen wie die modifizierte Rankin-Skala genutzt.
  • Die Prognoseangaben der Ergebnisbereiche stammen aus der 1999 veröffentlichten TOAST-Studie; Verläufe unter heutiger Rekanalisationstherapie können davon abweichen.

Quellen

  1. Brott T, Adams HP Jr, Olinger CP, et al. Measurements of acute cerebral infarction: a clinical examination scale. Stroke. 1989;20(7):864–870.

    Originalpublikation

  2. Lyden P, Brott T, Tilley B, et al. Improved reliability of the NIH Stroke Scale using video training. NINDS TPA Stroke Study Group. Stroke. 1994;25(11):2220–2226.

    Validierung

  3. Adams HP Jr, Davis PH, Leira EC, et al. Baseline NIH Stroke Scale score strongly predicts outcome after stroke: a report of the Trial of Org 10172 in Acute Stroke Treatment (TOAST). Neurology. 1999;53(1):126–131.

    Validierung

  4. Woo D, Broderick JP, Kothari RU, et al. Does the National Institutes of Health Stroke Scale favor left hemisphere strokes? NINDS t-PA Stroke Study Group. Stroke. 1999;30(11):2355–2359.

    Validierung

  5. Harrison JK, McArthur KS, Quinn TJ. Assessment scales in stroke: clinimetric and clinical considerations. Clin Interv Aging. 2013;8:201–211.

    Übersicht

  6. Ichord RN, Bastian R, Abraham L, et al. Interrater reliability of the Pediatric National Institutes of Health Stroke Scale (PedNIHSS) in a multicenter study. Stroke. 2011;42(3):613–617.

    Validierung

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